![]()
Ihr
Telefon
klingelte fünf Mal, bevor der Anrufbeantworter ansprang.
„Hi,
hier ist
Buffy. Ich bin im Moment nicht zu Hause, also…ihr wisst, was
ihr nach dem
Piepton machen müsst.“
„Buffy?“
ertönte
die leise Stimme ihrer Mutter schrill vom anderen Ende.
„Schätzchen, bist du
da?“
Sie
rieb sich
ihre müden Augen, bis sie das Telefon gefunden hatte. Sie hob
den Hörer ans
Ohr und murmelte: „Mom? Ich bin hier.“
„Oh
Schatz, ich
bin so froh. Es tut mir leid, dass ich dich geweckt habe, aber ich
wollte
diejenige sein, die es dir erzählt. Mrs. Price ist letzte
Nacht gestorben. Die
Trauerfeier ist morgen und am Montag wird sie beerdigt. William hat es
das Herz
gebrochen er ist völlig fertig. Es würde ihm sehr
helfen, wenn du auch da wärst.
Sie war doch so vernarrt in dich. Also? Wirst du kommen?“
Die
Stimme ihrer
Mutter verschwand im Hintergrund. Die Vögel vor ihrem offenen
Fenster sangen
sich gegenseitig ein Liedchen vor. Die Klingel eines Kinderfahrrads
ertönte von
irgendwo her. Ihr ganzer Körper wurde warm und sie putzte sich
ihre klammen Hände
an ihrer Bettdecke ab.
Sie
dachte an die
Nachmittage, an denen sie bei ihm in der Küche gesessen hatte
und Mrs. Price
Kuchen backte, während sie ihren Saft tranken und sich
gegenseitig ärgerten.
Sie erinnerte sich, dass seine Mutter wie immer einen frischen
Hausmantel über
ihrem geblümten, wadenlangen Kleid getragen hatte. Daran, wie
sie nach
gebackenem Brot gerochen hatte, als sie sie in den Arm genommen hatte,
wenn
William nicht mit im Raum war.
Sie
wusste, dass
es passieren würde, aber es war dennoch überraschend.
In dem Moment, als sie
sich an diesen einen Tag erinnerte, fühlte sie, wie sich etwas
in ihrer Brust
zusammenzog und ihr wurde klar, dass ihre andere
„Mutter“ nicht mehr da war.
„Ja,
ich werde
da sein“, antwortete sie. Ihr wurde schlecht und ihre Augen
füllten sich mit
Tränen.
„Danke
Buffy.
Er wäre das beste wenn du heute Abend schon kommen
könntest. Ich mache dein
Zimmer fertig, so kannst du hier bleiben.“
„Okay,
danke“, antwortete sie leise. „Ich sehe dich dann
heute Abend.“
„Gut.
Ich liebe
dich Schatz.“
„Ich
liebe dich
auch, Mom.“
Sie
legte auf und
starrte ins Leere.
Vierzehn
Jahre
hat sie ihn nicht mehr gesehen. Sie war gegangen und hatte niemals
zurückgeschaut,
aus Angst dass wenn sie es tun würde, sie niemals von ihm
loskommen würde.
Schon immer hatte er sie angezogen, an sich gerissen und nie wieder
losgelassen.
Bis zu der einen Nacht im August als sie achtzehn war, da hatte sie
Nägel mit Köpfen
gemacht.
Es
tat immer noch
weh. Jeden verdammten Tag.
Es
gab viele Männer
die versucht hatten sie zu halten. Aber keiner von ihnen hatte es
geschafft. Wütend
darüber, dass sie niemals gut genug für Buffy waren,
hatten sie sie eine
kaltherzige Schlampe genannt und regten sich darüber auf, dass
sie IHM nicht
das Wasser reichen konnten.
Langsam
packte
sie ihre Tasche, dann putzte sie sich die Zähne,
während ein paar Tränen
fielen. Sie stand vor dem Spiegel, berührte ihr feuchtes
Gesicht und strich mit
ihrer Hand über ihre Stirn zu ihrer Augenbraue. Sie erinnerte
sich an die Narbe
in seiner Braue, an diese unsagbar langen Wimpern, die seine hypnotisch
blauen
Augen umrahmten, die sie immer an einen Oktoberhimmel erinnerten.
Augen, in
denen man hätte ertrinken können und an seine scharfe
Zunge, mit der er
gedankenlose Kommentare und schmerzhafte Bemerkungen
abgegeben hatte.
Sie
dachte an
seine unerwartete Liebeswürdigkeit, eine Geste, die sie sehr
schnell
einwickelte und sie fühlen ließ, als ob niemand sie
so sehen würde wie er es
tat. Sie war dankbar für jeden kleinsten Krümel, den
er ihr zuwarf. Sie
glaubte, dass niemand ihren Verstand und Körper so gut
verstehen könnte wie
er.
Sie
hoffte dass
er sich geändert hatte, denn sie hatte es nicht. Sie liebte
ihn immer noch so
sehr, dass sie kaum atmen konnte
Sie
hatte
schreckliche Angst ihn wieder zu sehen, aber trotzdem würde
sie fahren und
ihnen Respekt zollen. Beiden, ihm und der Frau, die sie genauso wie
ihre Mutter
geliebt hatte.
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Er
saß zwei Reihen schräg
vor ihr,
seine Beine waren unter dem Tisch lang ausgestreckt und seine
Hände ruhten
schlaff auf seinen harten Oberschenkeln. Heute wollte Mr. Hanscomb,
dass sie
sich den Film „Othello“ von Orson Wells
ansahen – und ihnen damit die Chance geben,
Shakespeare zu würdigen.
Im
Klassenzimmer war es sehr warm und als das Licht ausging und der
Fernseher
aufflackerte, fielen ihre Augen zu.
Sie
hasste es. Hasste Shakespeare, sie versuchte herauszufinden, was das
alles
bedeutete. Warum konnten sie nicht einfach sagen was sie meinten,
anstatt um den
heißen Brei herum zu reden, in Worten, die sie nicht kannte.
Sie hatte es immer
wieder gelesen, aber sie blieben nicht hängen. Sie
fühlte sich so dumm, weil
er es verstand, nur sie nicht.
Er
ist derjenige, der dumm ist, dachte sie, mit seinem weißen
Haar, das er in
kleinen Spitzen nach oben gegelt hatte. Dachte er wirklich, dass es ihn
hart
aussehen ließ? Seine Fingernägel waren schwarz
lackiert und sein T-Shirt war
mit Sicherheitsnadeln übersät, welche er
hunderdprozentig aus dem Nähkästchen
seiner Mutter geklaut hatte. Und das war mit Sicherheit nicht cool.
Sie
beobachtete ihn, das bläuliche Licht des Fernsehers zeichnete
Schatten auf
seine Wangen und sein halboffener Mund zuckte.
Während
sie ihn beobachtete, begann er die Wörter, die Orson sprach,
leise für sich
nachzusprechen.
„Der
Himmel habe sie als solchen Mann
Geschaffen, und sie dankte mir und bat mich,
Wenn je ein Freund von mir sie lieben sollte,
Ich mög ihn die Geschicht erzählen lehren,
Das würde sie gewinnen. Auf den Wink
Erklärt ich mich.
Sie liebte mich, weil ich Gefahr bestand;
Ich liebte sie um ihres Mitleids willen“
Der
Raum rückte in den Hintergrund. Zum allerersten Mal sah sie,
wie brillant er
wirklich war. Wie verdammt gut er aussah. Seine Lippen verformten sich,
als er
sie Worte sprach und sie wünschte sich, dass sie das Objekt
seiner Begierde wäre.
Sie stellte sich vor, wie seine Lippen an ihrem Ohr lagen und ihr seine
Liebe
zuflüsterten.
In
dem Moment drehte er sich und sah, dass sie
ihn beobachtete. Seine Augen wurden schmaler und er zeigte ihr unter
dem Tisch
den Mittelfinger, so dass Mr. Hanscomb es nicht sehen konnte.
Sie
strahlte ihn nur an. Darauf legte er den Kopf zur Seite und sah sie an,
als ob
sie verrückt wäre.
Er
schaute weg. Sie bekam noch mit, dass er Dru ansah, seine Lippen spitze
und ihr
einen saftigen Kuss zuwarf.
Als
sich auf Drus Gesicht langsam ein verzücktes Lächeln
widerspiegelte, entschied
Buffy, dass sie sie hasste. Fast so wie sie ihn dafür hasste,
dass er sie so
durcheinander brachte.
![]()
Sie
fuhr mit ihrem Fahrrad, dabei trat sie so schnell sie konnte in die
Pedale. Ihre
Zöpfe flogen nach hinten und sie hatte den Geruch von dem
frischgemähten Rasen
des Nachbarn in der Nase. Ihre Knie waren aufgeschlagen und Dreck
sammelte sich
unter ihren Fingernägeln. Ihr T-Shirt war mit dem getrockneten
Matsch, mit dem
sie zuvor gespielt hatte, besudelt.
Sie
raste den Gehweg entlang zum Nachbarhaus, vor dem ein Umzugs LKW stand.
Männer
schleppten Kommoden und dickgepolsterte Sessel heraus und schnauzten
sich
gegenseitig an. Vor dem LKW in der Garagenauffahrt hockte ein Junge in
khakifarbenen Shorts und gleichfarbigem Hemd. Er riss Grashalme aus dem
Rasen und
warf sie mit leisen Verschwörungen wütend auf dem
Boden.
Sie
fuhr an ihm vorbei bis zum Ende der Straße. Drehte dann um
und wieder an ihm
vorbei. Dies machte sie ein paar Mal und umkreiste ihn wie ein Raubtier
seine
Beute.
Nach
dem fünften Mal hielt sie am Ende der Einfahrt an.
„Hi“,
rief sie.
Er
schaute überrascht auf.
„Ich
heiße Buffy“, rief sie erneut.
Er
rümpfte die Nase und schaute sie angewidert an.
Dadurch
ließ sie sich aber nicht abschrecken. „Ich wohne
nebenan.“
„Schön
für dich“, sagte er unverschämt.
„Willst
du mit mir spielen?“
Er
schnaufte ärgerlich. „Sieht das so aus als ob ich
spielen will?“
„Nein.
Es sieht so aus als ob du traurig wärst.“
Er
sagte nichts.
„Du
bist niedlich.“ Sie sagte es in der Hoffnung, ihn damit
aufzuheitern.
„WAS?!?!
Das bin ich NICHT! Du dumme Kuh! Sind alle Yankees so dumm? Warum haust
du nicht
einfach ab und LÄSST MICH ALLEIN!“ Er riss eine
Handvoll Gras aus dem Boden
und bewarf sie damit, weil er nichts anderes finden konnte, dann drehte
er sich
um und rannte ins Haus.
Völlig
benommen blieb sie für einige Minuten auf ihrem Fahrrad
sitzen. Dann drehte sie
und fuhr zu ihrer eigenen Auffahrt zurück und stellte fest,
dass sie ihren
neuen Nachbarn nicht leiden konnte.
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Kurz
vor 21.00
Uhr erreichte sie Sunnydale. Ihre Mutter hatte schon auf sie gewartet
und hatte
sich die Zeit mit einem Buch vertrieben. Als sie Buffy mit einer warmen
Umarmung
begrüßte, vergrub diese ihr Gesicht an der Schulter
ihrer Mutter und bemerkte
den wohlbekannten Geruch ihres Parfüms und den des
Weichspülers, den ihre
Mutter schon benutzte, als sie noch ein Teenager war.
„Ich
bin so
froh, dass du hier bist. Ich hab dich so vermisst.“
„Ich
dich auch,
Mom.“
„Hast
du schon
gegessen?“
„Ja,
aber ich könnte
was zu trinken vertragen.“
„Buffy?!?“
„Tee,
Mom.“
„Oh,
natürlich.
Tut mir leid, Schätzchen. Ich bin nicht ich selbst im Moment.
Ich bin sehr müde.
Habe in den letzten Tagen nicht sehr viel Schlaf bekommen.“
In
der Küche
holte Buffy die Lieblingstassen ihrer Mutter aus dem Schrank,
während Joyce den
Kessel aufsetzte und sich auf einem Stuhl, der an der
Kücheninsel stand,
niederließ. Sie warteten ohne ein Wort darauf, dass das
Wasser anfing zu
kochen. Joyce rieb sich mit ihren Händen über ihre
Augen und war glücklich über
diese kleine Atempause, während Buffy die Teebeutel und den
Zuckertopf mit den
winzig kleinen Löffeln holte.
Als
der Kessel
pfiff, zeigte sie ihrer Mutter an, dass diese sitzen bleiben sollte,
stellte den
Ofen aus und goss für sie beide das Wasser in die Tassen. Der
leichte Geruch
von Kamilleblumen erfüllte den Raum. Buffy legte ihre
Hände um die Tasse, während
diese noch auf der Ablage stand. „Also…wie geht es
ihm?“
„Er
ist total
durcheinander. In den letzten Monaten war er nur für seine
Mutter da. Hat sie
gefüttert, ihr ihre Medikamente gegeben. Er hat ihr vorgelesen
und ihr Lieder
gesungen…ich denke, er wird die erste Zeit nicht wissen, was
er mit sich
anfangen soll. Ich habe ihm über einem Monat jeden Tag etwas
zu essen gebracht.
Ich mache mir wirklich Sorgen um ihn, Buffy.“
In
ihren Augen
schimmerten zurückgehaltene Tränen. „Ja,
ich auch…“
„Ich
denke es
wird ihm sehr viel bedeuten, wenn er dich sieht, wenn er
weiß, dass du gekommen
bist.“
„Nun,
ich weiß
nicht…“
„Natürlich
wird er das. Die Trauerfeier ist morgen und danach werden sich alle in
seinem
Haus zusammenfinden. Du wirst doch mit mir kommen, oder?“
„Ja,
natürlich
werde ich das, Mom. Darum bin ich doch hier.“ Sie hielt einen
Moment inne,
bevor sie weiter sprach. „Ich bin wegen euch beiden
hier.“ Sie machte erneut
eine Pause und fügte noch leise hinzu: „Und
für Mrs. Price.“
Joyce
nickte.
„Ich werde mich jetzt zurückziehen, Schatz. Ich bin
fertig. Dein Zimmer steht
für dich bereit. Das Bett ist frisch bezogen und im Bad liegen
saubere Handtücher.“
Buffy
ging um die
Insel herum und legte ihrer Mutter einen Arm um die Schultern und
umarmte sie.
„Danke. Obwohl ich denke, dass ich mich hier noch
zurechtfinden werde.“
Joyce
lächelte
sie an und trank den Rest ihres Tees. Sie stand auf und bevor sie den
Raum
verließ, drehte sie sich noch einmal um.
„Buffy?“
„Ja?“
„Er
hat die
ganze Zeit über nach dir gefragt. Immer wieder.“
Darauf
konnte sie
nichts sagen. Ihre Augen brannten noch mehr vor lauter
unterdrückten Tränen
und ihr Hals war wie zugeschnürt. Sie konnte doch jetzt nicht
weinen, noch
nicht. Am nächsten Morgen würde sie die
Tränen nicht unterdrücken können.
Es wäre besser, sie so lange zu unterdrücken, bis es
nicht mehr ging, dann war
es auch nicht so schlimm, ihn wieder zu sehen. Das einzige, was sie
dann
schlussendlich herausbrachte, war: „Gute Nacht.“
Joyce allerdings erwiderte
dies damit, dass sie ihre Lippen fest aufeinander presste und ging.
Buffy
stelle die
Tasse ihrer Mutter in die Spüle und spülte diese gut
aus. Dann nahm sie ihre
Tasse von der Ablage und ging die Treppe hinauf in ihr Zimmer.
Mit
jedem
Quietschen der Treppenstufen erinnerte sie sich an gewisse Dinge. Als
er elf
Jahre alt gewesen war und auf der untersten Stufe gesessen hatte,
während er
auf sie gewartet hatte, dass sie mit ihm Fußball spielte. Er
im Alter von
dreizehn, als sie nach ihm geschlagen hatte als sie ein Wettrennen die
Treppe
hinauf gemacht hatten und ihr alles Recht gewesen war, um gegen seine
Agilität
und Schnelligkeit zu gewinnen. Als er sechzehn gewesen war und vor der
Haustür
gestanden hatte, in seinem schweißnassen T-Shirt, das an
seinen
durchtrainierten Muskeln klebte, während er unterm Arm einen
Basketball hielt.
Als
sie oben
ankam, ging sie den Flur entlang in ihr Zimmer. Das Bett war mit der
gleichen Blümchenbettwäsche
bezogen, in der sie schon in ihrer Highschool Zeit geschlafen hatte.
Sie war
schon sehr abgenutzt, aber sehr weich und bequem. Die Gardine wehte
durchs
leicht geöffnete Fenster ins Zimmer hinein. Das Fenster war
genau gegenüber
seinem Schlafzimmerfenster und nur ein Rasen lag dazwischen.
Seinen
Schatten
sieht sie kaum, aber seine Nachttischlampe brennt neben seinem Bett.
Sie kennt
den Schein dieser Lampe ganz genau und wie sie ihre Schatten wirft.
Sie
kann ihn
immer noch sehen, wie er auf seinem Bett liegt und die Konturen seines
nackten
Oberkörpers im Mondlicht silbrig schimmern. Die hohen
Wangenknochen, wie sich
seine langen Wimpern auf seine Wangen legen. Seine blasse Haut, die so
perfekt
war, dass sie manchmal sogar das Atmen vergaß.
Nichts
von all
dem hatte sie jemals vergessen.
Sie
stellte sich
vor, wie er jetzt in seinem Bett lag. Lesend, oder vielleicht schlief
er auch
schon und hatte nur vergessen, das Licht auszuschalten. Oder, was
natürlich am
nahesten lag, saß er verletzt da und trauerte.
Und
dachte an sie
genauso wie sie an ihn dachte.
Es dauerte lange bis sie einschlief. Sie wollte ihre Augen nicht schließen, aus Angst, die kleinste Bewegung von ihm zu verpassen, aus Angst, nicht zu sehen, wie gegenüber das Licht gelöscht wurde.
![]()
Sie
trug zur Kirche ihren Faltenrock, der Stoff war hart und kratzte an
ihren
Oberschenkeln. „Liebe deinen Nächsten wie dich
selbst“, hatte der Pfarrer
gesagt. Als sie im Auto saßen, dachte sie über ihre
neuen Nachbarn nach.
„Mommy?
Vater Wilson sagte `Liebe deinen Nächsten´.
Bedeutet das, dass ich unsere neuen Nachbarn auch
mögen muss?“
„Nun,
Schätzchen, es bedeutet, dass du andere Menschen so behandeln
sollst, wie du
behandelt werden möchtest.“
„Und
was ist mit Menschen, die ich überhaupt nicht kenne?“
„Die
auch. Es bedeutet, dass jeder Mensch freundlich und mit Respekt
behandelt werden
soll.“
Sie
dachte den Rest des Weges darüber nach. Es ärgerte
sie dass sie jemanden gern
haben sollte, der so fies zu ihr gewesen ist. Er hatte SIE
nicht gerade freundlich behandelt. Sie ärgerte
sich darüber, dass alles
von ihr ausgehen sollte.
Sie
stampfte die Treppe hinauf und war genauso sauer auf Vater Wilson wie
sie es auf
den neuen Jungen war. In ihrem Zimmer setzte sie sich auf ihr Bett und
schnappte
sich ihr rosa Stofftierschwein, Mr. Gordo.
Sie
sah Bewegungen in dem Fenster, das dem ihren genau
gegenüberlag. Er saß
genauso wie sie auf seinem Bett. Er hatte ein Blatt Papier und einen
Umschlag in
der einen Hand. Die andere lag vor seinem Gesicht, während er
hineinweinte. Sie
konnte sehr leise sein Schluchzen hören und sie sah wie seine
Schultern bebten.
Ihr tat es weh, ihn so weinen zu sehen. Sie konnte sich nicht daran
erinnern,
jemals jemanden gesehen zu haben, der so verletzt war.
Sie
stand auf,
ging nach unten und ihre ganze Wut war vergessen. In der Küche
entdeckte sie
einen Teller mit selbstgebackenen Schoko Cookies unter einem
Trockentuch. Sie
schnappte sich den Teller und ging zur Hintertür hinaus und
setzte sich wartend
auf die Treppe.
Sie
brauchte nicht lange warten. Fünfzehn oder zwanzig Minuten
später kam er zur
Hintertür hinausgestürmt und die Holztür
schlug hinter ihm zu. Er warf das
Papier und den Umschlag in den Swimmingpool, der sich hinter dem Haus
befand. Er
beobachte wie es auf der Oberfläche schwamm und dann langsam
aufquoll und sank.
Er nahm einen Stein, der neben seinem Fuß lag, auf und warf
ihn gegen den Zaun,
der hinter dem Pool gezogen war. Mit einem lauten
„Thunk“ traf er auf das
Holz, also schnappte er sich den nächsten. Und noch einen.
Sein Arm flog immer
wieder vor und zurück und sein Haar bewegte sich mit jeder
Bewegung, bis ihm
die Steine ausgingen und er völlig erschöpft war. Er
lehnte sich nach vorn, stützte
sich mit den Händen an den Oberschenkeln ab und schnappte nach
Luft.
Sie
dachte immer noch, dass er niedlich aussah, aber das würde sie
ihm nicht noch
einmal sagen.
Stattdessen
räusperte sie sich. Er drehte sich um, seine Brust hob und
senkte sich, als er
immer noch tief Luft holte, und er sah sie nichts sagend an. Sie hielt
einfach
nur den Teller hoch. Er sah sie vorsichtig abschätzend an.
Dann wurde sein
Gesichtsausdruck weicher und er zwinkerte ihr zu. Er kam zu ihr
herüber und
setzte sich mit einem lauten Seufzer neben sie.
Nachdem
er zwei von den Keksen gegessen hatte und sich den dritten gerade
nehmen wollte,
nahm sie auch einen.
„Wie
heißt du?“
„William.“
„Ich
bin Buffy.“
„Das
hast du mir schon mal gesagt.“
„Oh…Hast
du ein Fahrrad, William?“
„Ja.“
„Willst
du mit mir zusammen zu dem See in Hollies Woods fahren?“
„Ja.
Okay.“
~~~~~~~~~~
Der
Morgen der
Beerdigung war sonnig und frisch. Durch das offene Fenster
würde der Gesang der
Vögel mit der leichten Brise in das Zimmer getragen. Die Luft
duftete nach
frisch geschnittenem Gras und Honigblumen.
Das
Sonnenlicht
fiel über ihr Bett, genauso wie es immer war, wenn sie ihre
Augen öffnete und
sein Fenster ansah. Ihre Mutter befand sich in dem Bad was ganz hinten
am
Flurende lag und ihr blumiger Duft erweckte in Buffy Erinnerungen. Es
war als wäre
sie ein paar Jahre zurückgereist. Sie kannte das alles noch
von früher.
Nebenan
bewegte
sich nichts. Sie erlaubte sich für ein paar Minuten nichts
anderes zu machen
als still da zu liegen und die Vorhänge vor seinem Fenster zu
beobachten, wie
sie sich durch die gleiche Brise genauso bewegten wie ihre Gardine. Sie
fragte
sich, ob er auch das Gras und die Blumen roch, ob er auch jetzt so da
lag und
ihr Fenster ansah. Sie erinnerte sich, wie sie sich seit dem Tag jeden
Morgen
durch diese besagten Fenster begrüßt hatten.
Aber
nicht heute,
dachte sie reumütig.
Sie
stand auf,
machte ihr Bett und legte ihre Unterwäsche, das schwarze
Kleid, Strumpfhose und
Pumps heraus. Dann machte sie sich bereit, ihn wieder zu sehen und sich
von
seiner Mutter zu verabschieden.
Sie
und ihre
Mutter waren sehr still als sie nach unten kam, ein leises `Guten
Morgen´ und
eine kurze Auskunft, wo und wann die Trauerfeier begann war das einzige
was sie
sagten. Sie tranken ihren Kaffee, holten kurz Luft und atmeten lange
und langsam
mit einem Seufzen aus. Sie versuchten innerlich so ruhig zu bleiben wie
sie es
nach Außen hin waren.
Sie
verließen so
gegen 10.00 Uhr das Haus, denn um 10.30 Uhr war auf dem Restfield
Friedhof
die Beerdigung angesetzt. Als sie dort ankamen, standen
schon massenweise
Autos hintereinander an der Straße und eine beachtliche Menge
Menschen ging den
Weg entlang zum Grab. Buffy stolperte den rauen Asphalt hinauf und
wünschte
sich, sie hätte andere Schuhe angezogen. Sie waren mit den
Nerven am Ende. Sie
konnte eine große Menschenmenge vor sich sehen, die sich wie
ein Bienenschwarm
um ihn versammelt hatten. Ihr Magen drehte sich um und ihre
Handflächen waren
schweißnass. Es war vierzehn Jahre her. Sie konnte sich nicht
vorstellen, wie
er wohl aussehen würde, ganz besonders in diesen
Umständen.
Dann
bewegten sie
sich und sie konnte ihn sehen. Er trug einen grauschwarzen Anzug, der
locker an
seinem Körper herunter hing. Das weiße Hemd sah
nagelneu aus mit dem steifgebügelten
Kragen. Seine Haut glich der eines Geistes und kleine
Krähenfüße waren an
seinen Augen auszumachen. Sein Haare hatten wieder sein
natürliches Braun, sie
waren länger und an den Spitzen konnte man noch sehen, dass
sie mal
wasserstoffblond gewesen waren. Er hatte anscheinend kaum Zeit
dafür aufbringen
können um sie weiterhin zu bleichen. Sein Gesicht sah ziemlich
abgemagert und
krank aus. Seine Arme hingen schlaff an seinem Körper
hinunter, selbst als die
Leute ihm sein Beileid aussprachen, ihn in den Arm nahmen oder ihm
liebvoll auf
die Schulter klopften.
Er
sah auf und
erblickte sie. In seinem Gesicht konnte sie seine Überraschung
erkennen. Auch
sie sah, wie er sehr tief Luft holte und sich kerzengerade aufrichtete,
als die
Summers Frauen auf ihn zukamen.
Ihre
Mutter nahm
ihn ganz fest in den Arm und ganz leise sagte sie zu ihm: „Es
tut mir so leid,
William. Sie war eine ganz besondere Frau und eine sehr gute
Freundin.“ Er
erwiderte ihre Umarmung, brach aber niemals den Blickkontakt mit Buffy,
es
machte den Anschein, als hätte er Angst, dass wenn er es
täte, sie spurlos
verschwinden würde.
Als
ihre Mutter
einen Schritt zur Seite machte, stand sie genau vor ihm. Sie fragte
sich, ob
ihre Stimme sie im Stich lassen würde, aber sie schaffte doch
noch etwas zu
sagen.
„Hallo,
Spike.“
Ein
Mundwinkel
zog sich nach oben. „Hallo Buffy. Es ist schon eine ganze
Weile her, dass mich
jemand so genannt hat.“
„Es
tut mir so
leid…wegen deinem Verlust.“ Es war sehr unangenehm
und sie wusste absolut
nicht, was sie mit ihren Händen machen, oder wohin sie schauen
sollte.
Er
überraschte
sie als er einen Schritt auf sie zuging und sie ganz fest umarmte. Er
drückte
sie so hart, dass sie sich sicher war, dass sie am nächsten
Tag blaue Flecken
auf ihrem Rücken und den Unterarmen haben würde.
„Danke“, sagte er mit
heiserer und stockender Stimme.
Er
fühlte sich
so gut an. Sein Körper passte perfekt zu ihrem, genauso hatte
sie ihn in
Erinnerung behalten. Die
Erinnerung
daran, dass sie schon öfter so aneinandergepresst dagestanden
hatten… ihre
abwehrende Haltung verschwand und sie ließ die
Gefühle auf sie herein brechen.
Ihre Augen füllten sich augenblicklich mit Tränen,
als sie seinen
unnachahmlichen sauberen Duft wahrnahm. Alles was sie noch
fühlen konnte war
ihre Liebe zu ihm, die langsam in ihr herauf kroch. Ihr Hals war
trocken und sie
dachte sie müsste ersticken, als sie sein Herz an ihrer Brust
spürte.
Als
er sich zurückzog,
tat er dies sehr langsam, denn er wollte sie eigentlich nicht
loslassen. Er
fixierte sie mit seinen sturmblauen Augen. Sie war von dem Schmerz und
Verlangen, das sie darin erkennen konnte, wie gelähmt.
„Bleibst
du
noch? Kommst du nachher auch noch ins Haus? Bitte?“ Sein
`Bitte´ war so
verzweifelt dass sie dachte, ihr Herz würde auf der Stelle
für ihn
zerspringen.
„Natürlich“,
versprach sie ihm und streichelte seine Hand.
„Danke“,
flüsterte
er noch einmal. Dann wurde er von dem Priester an die Seite genommen,
damit
dieser mit der Trauerfeier anfangen konnte.
Ihre
Mutter
stellte sich neben sie, nahm ihre Hand und drückte diese.
„Danke“,
flüsterte
sie und war glücklich für diese
Unterstützung. Alles was sie sehen konnte
war, wie er sie angesehen hatte, sie angefleht hatte, ihm zu helfen..
Es war der
gleiche Blick, den er ihr geschenkt hatte, als sie vor all den ganzen
Jahren
weggegangen war.
Seitdem
verfolgte
er sie.
Trotz der Liebenwürdigkeit an diesen Tag, erschauderte sie bei dem Gedanken, dass sie sich gegenseitig all die Jahre schmerzlich vermisst hatten.
![]()
„Die
sind ja alle krumm!? Oh Gott! Der Boden wird unter uns zusammen
brechen!“
„Sei
ruhig, Buffy. Als ob du es besser könntest.“ Er
schlug den Nagel mit dem
Hammer weiter durch das knorrige Sperrholzbrett
in den Baum hinein und stabilisierte das letzte
Bodenstück des
nachbarschaftlichen Baumhauses.
Mit
erhobenem Kopf stemmte sie ihre Fäuste an ihre
Hüften. „Und ob ich das kann,
gib her!“ Sie griff nach dem Hammer, aber er erhob sich und
hielt ihn so hoch,
dass sie ihn nicht erreichen konnte.
„Nee,
ich denke, das können wir nicht riskieren. Unsere Prinzessin
könnte sich auf
den Finger hauen und heult dann den ganzen Weg nach Hause“,
sagte er verhöhnend
und streckte ihr die Zunge raus, als sie ihm auf den Arm schlug, um an
den
Hammer zu kommen. Nach ein paar Versuchen gab sie auf und trat ihm
stattdessen
auf den Fuß. Der Hammer fiel zu Boden und der Griff traf ihn
am Kinn.
„AUTSCH!
Blöde Kuh! Das tat WEH!“
Sie
schnappte sich das Werkzeug und fing sofort an, den letzten Nagel bis
zum
Anschlag in den Baum zu schlagen. Dann ging sie einen Schritt
zurück und
grinste ihn siegessicher an. „Wer heult jetzt,
Willie?“
Er
sah sie sehr wütend an. „Nenn mich nicht
so.“
„Warum
nicht?“ Sie schnitt ihm Fratzen und bemerkte nicht, dass er
immer ruhiger
wurde.
„Lass
es einfach“, sagte er ganz leise, und sie hielt sofort inne.
Seine Stimme hörte
sich sehr verletzt an.
Ihre
Augen weiteten sich. „OH! Dein Dad! Er hat
dich…oh.“
„Sei
ruhig, du Idiotin.“ In seinen Augen standen Tränen.
Er kletterte so schnell
er konnte die Strickleiter hinunter, sprang auf sein Rad und fuhr wie
ein
Bekloppter den Feldweg entlang, aus dem Wald hinaus zurück
nach Hause.
Auch
sie kletterte die Leiter hinunter und rief ihm hinterher.
„Will
warte! Halt doch mal an! Warte auf mich!“ Sie
stürzte sich auf ihr Rad und
versuchte ihn aufzuholen, aber sein Fahrrad war
größer und er hatte längere
Beine. Er fuhr einfach weiter und der Abstand zwischen ihnen wurde
immer größer.
Also
konzentrierte sie sich auf ihn, wie er immer kleiner wurde und
übersah dabei
den dicken Stein, der mitten auf dem Weg lag. Ihr Vorderrad traf ihn
und sie
flog über den Lenker. Sie rutschte über den staubigen
Boden und schlug sich
den Kopf an einem Baumstupf ein.
Sie
muss geschrieen haben, denn schnell wie ein Blitz war er da, warf sein
Rad zu
Boden und kniete sich mit riesigen Augen neben sie.
„Gott,
was ist denn passiert?“
Sie
weinte so feste, dass sie nicht richtig Luft holen konnte. Ihr Gesicht
schmerzte, sie hob ihre Hand und fuhr darüber. Als sie sich
ihre Hand ansah,
war diese feucht und rot. Bei dem Anblick ihres Blutes fing sie an zu
schreien.
„Shhh.
Es ist okay. Du hast dir den Kopf eingehauen. Lass mich mal
sehen.“ Er schob
ihre Hände beiseite und strich ihr die Haare aus dem Gesicht.
Dann zog er sein
T-Shirt aus und drückte dies auf die Wunde über ihrem
linken Auge.
Ihr
eines Bein brannte wie Feuer, kleine Steinchen und
Granitbröckchen stecken in
ihrer Haut und das Blut rann über ihr Knie.
Sie
weinte so sehr, dass sie nicht sprechen konnte und versuchte ihn immer
von sich
zu stoßen. Aber er ließ es nicht zu.
„Buffy,
hör auf. Komm schon. Ich bring dich nach Haus zu deiner
Mum.“ Er schob einen
Arm unter ihre Achsel und wollte ihr beim Aufstehen helfen, aber das
brachte sie
dazu, noch mehr zu heulen.
Er
legte seine Hände an ihr Gesicht. Es war das erste Mal, dass
er sie so zärtlich
berührte. Es überraschte sie so sehr, dass sie mit
dem Gebrüll aufhörte und
nur noch schniefte, als sie in seine himmelblauen Augen sah.
„Hey.
Ich hab ich. Es wird alles wieder gut, aber wir müssen dich
nach Hause bringen,
okay?“ Seine Stimme war ruhig und gedämpft, so als
ob er mit einem wilden
Tier sprechen würde. Es beruhigte sie ungemein.
„Kannst du laufen?“
Sie
versuchte es, doch als sie ihr Gewicht auf ihr verletztes Bein
verlagerte,
schrie sie kurz auf.
Er
sagte nichts, nahm sie mit einem Keuchen auf seinen Arm und marschierte
los, um
sie nach Hause zu bringen.
Sie
waren beide für einige Minuten still. Sie schniefte und putzte
ihre Nase mit
ihrer blutverschmierten Hand ab, dann hielt sie diese vor sich hin, als
ob sie
nicht wissen würde, was sie mit dem Schnodder machen sollte.
"Wenn
du das an mir abputzt, lasse ich dich fallen wie eine heiße
Kartoffel.“
Sie
kicherte und das brachte ihn zum Grinsen.
„Tut
mir leid, das mit deinem Vater. Ich wusste nicht, dass er dich so
genannt hat,
Will. Vermisst du ihn? Hat er sich mal gemeldet? Hast du mit ihm
gesprochen?“
„Buffy?“
„Ja?“
„Halt
den Mund. Ich kann nicht sprechen, wenn ich dich den ganzen Weg nach
Hause
tragen muss. Du wiegst mindestens eine Tonne.“
Sie
schlug ihm auf die nackte Brust. Er grinste nur großspurig
und arrogant. Das
war etwas Neues an ihm, aber es stand ihm sehr gut.
~~~~~~~~~~
Sein
Wohnzimmer
und die Küche waren voller Menschen, die auch auf der
Beerdigung gewesen waren.
Die Frauen aus der Kirchengruppe seiner Mutter, Leute aus der
Nachbarschaft,
seine Verwandten, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Sie stand am
Kamin und
beobachtete ihn, wie er teilnahmslos durch den Raum ging. Seine Augen
waren
glasig, er sah erschöpft aus. Je weiter der Tag voranschritt
war, desto
zerknitterter war sein Anzug. Er fuhr sich immer wieder nervös
mit einer Hand
durch sein zweifarbiges Haar, um es glatt zu streichen, wenn ihm jemand
sein
Beileid aussprach.
Buffy
sah sich
das Essen an, das für die Trauergäste aufgestellt
war, aber sie hatte keinen
Appetit. Langsam verabschiedeten sich die Leute. Bis zur
Dämmerung waren nur
noch sie, ihre Mutter, seine Tante und sein Cousin übrig.
Er
brachte seine
Verwandten zur Tür und fragte sie mit müder Stimme,
in welchem Hotel sie
abgestiegen wären und wann sie wieder fahren würden.
Als er sie nach draußen
geleitete, holte Joyce ihren Mantel und ging zu Buffy.
„Ich
werde auch
nach Haus gehen, Schätzchen. Kommst du mit?“
Buffy
beobachtete
ihn. Er sah so verletzt aus. Sie wollte etwas tun – Sie war
noch nicht bereit,
ihn allein zu lassen – nicht nachdem sie ihn nach all den
Jahren wieder
gesehen hatte. Sie sah sich im Raum um und sah die ganzen Plastikbecher
und
Pappteller, die auf den Tischen und Kommoden standen.
„Ich
denke, ich
werde ihm erst ein wenig beim Aufräumen helfen.“
„Das
ist so
lieb von dir, Schätzchen.“ Sie nahm Buffy in den Arm
und drückte sie kurz.
Als sie sich von ihr löste sah sie, wie ihre Schultern nach
unten fielen. Ihre
Mutter sah auch sehr müde aus.
„Ich
sehe dich
dann gleich zu Hause, Mom.“
Joyce
ging zu
William, der immer noch an der Tür stand und umarmte ihn noch
einmal. Er legte
sich in ihre Umarmung, drehte seinen Kopf, legte ihn auf ihre Schulter
und
schloss die Augen. Buffys Kehle zog sich vor Kummer zusammen.
Für sie sah er
aus wie ein kleiner verlorener
Junge und ein sehr müder Mann in einer Person.
Sie
wollte diesen
Moment, welchen er anscheinend sehr brauchte, nicht zerstören.
Sie wusste dass
er ihrer Mutter sehr nahe stand. Das war schon so seitdem sie Kinder
waren. Also
machte sie sich nützlich und sammelte das Plastikgeschirr
zusammen und warf sie
in der Küche in den Mülleimer. Danach ging sie
zurück, um die Servierplatten
mit dem übrig geblieben Essen zu holen und diese im
Kühlschrank zu verstauen.
Sie
hörte wie
die Haustür zufiel und ging zurück ins Wohnzimmer. Da
saß er, zusammen
gekauert auf dem Boden und weinte.
Sie
überlegte
keine Sekunde, ging neben ihm in die Knie und nahm ihn in den Arm, als
ob er ein
kleines Kind wäre. Er versuchte sie von sich zu
stoßen.
„Das
kann ich
nicht verlangen. Du solltest jetzt gehen. Bitte…“
seine Stimme brach, so spröde
wie hauchdünnes Glas.
„Shhh.“
sagte
sie zu ihm. Mit einer Hand an seinem Hinterkopf drückte sie
sein Gesicht an
ihren Nacken. „Ich hab dich.“
Mit
lauten und
schauderhaften Schreien ließ er sich fallen und
durchnässte ihr Kleid mit
seinen Tränen. Sie sagte nichts, wiegte ihn bis er sich etwas
beruhigte und
schließlich ganz aufhörte.
Sie
nahm seine
Hand in ihre, die große Handfläche, an die sie sich
noch so gut erinnerte und
zog ihn die Treppe hinauf in sein Zimmer. Sie zog ihm seine Schuhe aus
und half
ihm, sich in sein Bett zu legen. Er protestierte nicht, sondern legte
sich mit
seinem Anzug unter die Decke. Sie legte eine Hand an seine Wange und
ihre Finger
kribbelten, als sie diese wohlbekannte Haut berührte
Seine
Augen waren
schwer und er flüsterte: „Danke.“
Er
war schon
eingeschlafen, bevor sie ihm antworten konnte und sie war sich sicher,
dass er
nicht mitbekam, was sie dann sagte. „Gern geschehen. Ich bin
ja jetzt für
dich da, Will.“
![]()
In
dem Sommer, als sie fünfzehn war, wachte sie durch
Unterleibsschmerzen auf und
dickes, klebriges Blut klebte an den Haaren zwischen ihren Schenkeln.
Sie
wusste woher das Blut kam; ihre Mutter hatte ihr ein Jahr zuvor ein
Buch
gegeben. Sie hatte sich dann damit in ihrem Zimmer eingeschlossen und
hatte es
fasziniert verschlungen. Danach hatte sie ihre Hand in ihre Shorts
geschoben und
hatte all die Stellen berührt, die in dem Buch gestanden
hatten. Und es hatte
sich so gut angefühlt.
Seitdem
streichelte sie sich dort fast
jeden Tag und zog dabei ihre plötzlich zu engen T-Shirts aus,
um ihre
wachsenden Brüste zu befreien.
Zuerst
dachte sie an Schauspieler, während sie sich befriedigte.
Einmal stellte sie
sich vor, wie sie einen niedlichen Jungen aus der Abschlussklasse
küsste, der
einmal „Hi“ zu ihr gesagt hatte. Aber dann fiel ihr
Will auf. Oder
„Spike“, wie er neuerdings genannt wurde. Sie fand,
dass es ein bescheuerter
Name war, konnte sich aber ein Lächeln nicht verkneifen. Sie
wusste, dass die
Jungs vom Basketballteam ihm den Namen verpasst hatten.
Er
übte das Körbewerfen in der Auffahrt seines Hauses
und trug dabei
abgeschnittene Jeans und weiße, ärmellose T-Shirts.
An seinen Armen und Beinen
hatte er jetzt lange und starke Muskeln. Ein harter, flacher Bauch kam
zum
Vorschein wenn er sein Shirt hochzog, um sich damit das Gesicht
abzuwischen.
Wenn er hochsprang, um den Ball durch den Korb zu werfen, rutschte
seine Hose
ein wenig hinunter und man konnte den Ansatz seines Hinterns sehen, und
man
bemerkte, dass er keine Unterwäsche trug. Sie dachte immer,
dass es eklig wäre,
doch konnte sie es nicht lassen, es sich vorzustellen, wenn sie sich
selbst
streichelte.
Sie
dachte an die vielen Male, als er zum Fernsehen rüber gekommen
war. Immer noch
schweißgebadet, ohne Shirt, die Hosen tief auf den
Hüften hängend. Sie
sah feine Haare, die von seinem Bauch in seine Shorts führten
und stellte sich
vor, diese zu berühren. Sie dachte an seine vollen Lippen und
wie sie sich wohl
auf ihren anfühlen würden. Sie stellte sich vor, wie
seine Hände und langen
Finger ihre Brüste streichelten, oder ihren
Bauch…und auch etwas tiefer. Dass
er sie so anfassen würde, wie sie es fast jeden Tag tat, wenn
sie von der
Schule kam und allein war.
Sie
rief seinen Namen, wenn ihr Höhepunkt kam. Aber sie sie hielt
jedes Mal völlig
entsetzt eine Hand vor den Mund, wenn es ihr bewusst wurde.
An
dem Morgen, als sie zu ersten Mal ihre Regel bekam, stand sie sehr
früh auf.
Nachdem sie ihrer Mutter von ihrem Missgeschick erzählt hatte,
ging sie ins
Badezimmer, und wusch sich. Danach ging
sie zurück in ihr Zimmer. Sie stellte sich an ihr Fenster und
zog den Vorhang
zur Seite. Er war auch in seinem Zimmer und gelte gerade seine
weißblonden
Haare zu kleinen Spitzen. Als sie ihn das erste Mal mit den gebleichten
Haaren
gesehen hatte, war sie völlig schockiert gewesen. Aber nun
mochte sie es.
Konnte sich kaum noch daran erinnern, wie er vorher ausgesehen hatte,
denn er
war nicht mehr der gleiche Junge.
Er
sah nicht mehr zu ihr herüber. Ging nicht mehr zu dem
Baumhaus, um sich mit ihr
dorthin zu setzen um mit ihr zu quasseln oder Karten zu spielen. Einen
Monat
zuvor hatte sie dort einen Stapel Pornoheftchen gefunden und hatte ihn
angeschrieen, wie er sie denn dort liegen lassen könnte.
Zuerst war er sehr
verlegen gewesen, aber dann wurde er stinkig und fragte sie, ob sie
überhaupt
irgendetwas gelernt hätte, denn „Mein
Gott“, giftete er sie an, „dir müssen
sie wirklich noch viel beibringen.“ Seitdem war er nicht mehr
da gewesen und
die Heftchen waren auch verschwunden.
Sie
vermisste ihn. Diese große, unangenehme Sache passierte mit
ihr und sie wünschte
sich, sie könnte mit ihm darüber reden. Obwohl, er
würde sich garantiert über
sie lustig machen; womöglich würde er es
überall herumerzählen oder ihr
sagen, dass sie ekelerregend wäre.
Sie
beobachtete ihn als er sich umdrehte und die Bürste zur Seite
legte und dann
sein Teil in
seiner Hose
richtete. Sie hatte es schon tausend Mal gesehen, wie er es gemacht
hatte, aber
irgendetwas war auf einmal anders. Sie stellte sich vor, wie er dort
unten
aussah und sie errötete. Ein heißer Schub von
Erregung strömte zwischen ihre
Beine und ließ ihren Unterleib noch mehr verkrampfen.
Er
sah niemals herüber. Sah niemals, wie sie ihn beobachtete,
oder bemerkte nicht,
wie sehr sie ihn vermisste, sich nach ihm sehnte.
~~~~~~~~~~
Buffy
wachte am nächsten
Morgen auf der Couch in seinem Wohnzimmer auf. Ihr Rücken
schmerzte, weil sie
anscheinend in einer unmöglichen Position gelegen haben muss.
Am
Abend zuvor,
nachdem Spike eingeschlafen war, war sie wieder nach unten gegangen und
hatte
festgestellt, dass das Haus in einem chaotischen Zustand war. Buffy
entschied,
dass sie es am nächsten Morgen in Angriff nehmen
würde, denn er hätte
garantiert nicht die Energie dafür, es selbst zu tun. Also
rief sie ihre Mutter
an und sagte dieser, dass sie bleiben würde um auf ihn
aufzupassen und für ihn
aufzuräumen.
Sie
stand auf und
regte sich. Ihr schwarzes Kleid war total verknittert und ihr Haar
zerwühlt.
Ihre Augen schmerzten, weil sie sich am Abend zuvor nicht abgeschminkt
hatte.
Sie hob den Kopf und betrachtete die Bilder auf dem Kaminsims. Auf
einem Foto
war seine Mutter in ihrem Hochzeitkleid und Mr. Price stand strahlend
hinter
ihr. Die anderen waren mehrere von Will als Junge in den
verschiedensten
Sporttrikots – und auf einigen hielt er ein Pokal hoch. Dann
stand dort noch
eins von seinem High School Abschluss. Er sah traurig und müde
aus.
Buffy
wischte den
Staub von dem letzten Bild und fuhr mit ihrem Zeigefinger über
seine Gesichtszüge.
Sie wünschte, sie könnte den traurigen
Gesichtsausdruck so einfach wie den
Staub wegwischen. Sie konnte sich noch ganz genau an diese Zeit
erinnern; die
Erinnerung war wie ein Splitter aus Eis in ihrem Herzen.
Mit
einem tiefen
Seufzen ging sie in die Küche, wo sich das Geschirr, mit
angetrockneten
Essensresten, haushoch
stapelte.
Sie nahm eine Schürze – vermutlich eine von Mrs.
Price – und zog sie über
ihr Kleid, dann ließ sie heißes Wasser in die
Spüle.
Sie
stürzte sich
in die Arbeit und obwohl sie nicht sehr gern spülte, beruhigte
sie die Arbeit
irgendwie. Die kreisenden Bewegungen, das leise Knistern der Seife,
wenn der
Schwamm über den Teller glitt. Sie hatte das Gefühl,
dass dies wenigstens
etwas war, was sie für ihn tun konnte, es beruhigte sie und
half ihr sich
darauf vorzubereiten, wenn er nach unten kam und dem Tag entgegensah.
Nach
zehn Minuten
hörte sie etwas im Flur. Sie drehte sich um und sah
über ihre Schulter, dass
er den Flur entlang schlurfte. Er hatte nur eine Jeans an und sein Haar
lag in
Locken durcheinander auf seinen Kopf. Sie konnte sich für
einen Moment nicht
bewegen, konnte nicht atmen als sie ihn beobachtete, wie sein
Körper sich
bewegte. Er war stark und schlank wie er es immer gewesen war, einfach
nur
atemberaubend. Aber er hatte seinen Übermut, Stolz und vor
allem seinen
Kampfgeist verloren.
Als
er sie in der
Küche sah, erschrak er und verschränkte einen Arm
über seiner Brust. Er erspähte
seine Anzugsjacke vom Tag zuvor auf der Rückenlehne der Couch
und zog sie
schnell an. Sie war sichtlich überrascht über seine
Bescheidenheit, nach all
dem, was sie getan hatten, all dem, was sie gemeinsam erlebt hatten.
Sie
putzte ihre
nassen Hände an der Schürze ab und drehte sich ganz
um, um ihn anzusehen und
schenkte ihm ihr schönstes Lächeln.
„Morgen.
Hast
du gut geschlafen?“
„Ja.“
Er
lehnte sich an die Wand im Flur neben der Küchentür.
„Nicht besonders gut,
aber ich konnte mich etwas ausruhen.“ Seine Augenbrauen zogen
sich zusammen.
„Was machst du da?“
Sie
hob ihre Hände
und zeigte auf das Spülwasser. „Ich dachte, das
wäre offensichtlich…“
„Ja,
sicher.
Aber was ich meinte ist, WARUM du das machst?“
„Nun,
alles war
so durcheinander und musste aufgeräumt werden. Ich habe heute
nichts anderes
vor, also dachte ich…“
Er
unterbrach
sie. „Du dachtest…Was? Dass ich unfähig
bin? Dass ich ohne deine Hilfe
nicht wüsste, was ich tun muss?“
„Nein,
es
ist…ich wollte es. Das ist alles.“
Er
sah auf den
Boden hinunter und vergrub seine Hände in seinen Hosentaschen,
während er sich
leicht nach vorn beugte. Buffy dachte, dass sie ihn noch nie so klein
und
niedergeschlagen gesehen hatte.
Seine
Stimme war
sehr leise als er ihr sagte: „Das brauchst du
nicht.“
Sie
beobachtete
ihn, wie seine Augen auf dem Boden herumsuchten, bis er bemerkte, dass
sie ihn
ansah und darauf wartete, dass er sie anschaute. Langsam richtete er
seinen
Blick auf sie.
„Ich
weiß dass
ich es nicht zu tun BRAUCHE. Ich will aber, Spike.“
Für
eine
unendliche halbe Minute war es sehr still und das einzige was zu
hören war, war
ihr gemeinsames Atmen.
„Okay“
sagte
er ganz leise.
Sie
atmete
seufzend aus. „Möchtest du etwas essen? Deine
Freunde haben massig übrig
gelassen.“
Er
schüttelte
den Kopf und versuchte herauszufinden, warum sie sich so um ihn
kümmerte.
„Uh, sicher. Ich denke, ich sollte etwas essen.“
„Okay.
Warum
setzt du dich nicht hin und ich bringe dir etwas. Obwohl ich
befürchte, dass
nur Auflauf das einzige ist, was ihm Kühlschrank zu finden
sein wird.“
„Ist
in
Ordnung.“ Sie war im Begriff, wieder in die Küche zu
gehen, als er ihren
Namen sagte.
Seine
Stimme war
leise und zart. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann er ihren
Namen mit
solch einer Dankbarkeit und Sensibilität ausgesprochen hatte,
dass ihr ein
Schauer über den Rücken jagte. „Danke Dir,
Buffy.“
Sie
schüttelte
das Verlangen, zu ihm zu gehen, ihn festzuhalten und ihn so lange zu
küssen,
dass er gar nicht mehr wusste, warum er traurig war, ab und zwang sich,
ihn
anzulächeln und sagte mit einer ganz normalen Stimme.
„Nichts zu danken. Du
solltest sowieso alles essen, bevor es schlecht
wird…“
„Nein,
das mein
ich nicht. Danke für gestern Abend.“
Sie
konnte nicht
anders. Sie ging zu ihm und legte eine Hand an seine Wange. Sie
glaubte, dass er
sich in ihre Berührung hineinlehnte, aber es war nur ganz
leicht, sie konnte
sich auch getäuscht haben.
„Gern
geschehen, Spike. Es tut mir so leid wegen deiner Mom. Sie war eine
ganz
besondere Frau.“
Er
schloss seine
Augen und hob seine Hand zu seinem Gesicht
und legte sie auf ihre. „Ja. Das war
sie.“ Eine kleine Träne lief
seine Wange hinter und befeuchtete ihre verbundenen Hände.
Sie
standen lange
einfach nur so da. Sie lauschte den Vögeln und dem Rattern
seines alten Kühlschranks,
der nebenan in der Küche stand. Sie spürte seinen
Atem auf ihrem Handrücken.
Nach
einer Weile
zog er sich zurück und es wurde für beide etwas
unbehaglich.
„Nun,
dann lass
mich mal Frühstück machen…“ sie
ging zurück und war sich nicht sicher,
was sie tun sollte, damit es ihm besser ging. Er setzte sich auf das
Sofa, ließ
seinen Kopf nach hinten auf die Lehne fallen und schloss die Augen. Sie
lief
schnell in die Küche.
Als
sie zehn
Minuten später zurück ins Wohnzimmer kam, lag er auf
dem Sofa und schlief.
Sein Kopf lag auf der Armlehne und seine Hände lagen mit den
Handflächen nach
oben neben seinem Körper.
Sie
stellte
seinen Teller auf den Couchtisch und kniete sich vor ihn hin. Diesmal
konnte sie
nicht widerstehen. Sie lehnte sich hinunter und küsste seine
Stirn, einen
seiner Wangenknochen und seine eingefallenen Wangen. Dann setzte sie
sich zurück
und strich ihm immer wieder durchs Haar. Sie liebte es endlich wieder
seine
seidenweichen Locken zu spüren. Sie fragte sich, ob es etwas
wunderschöneres
auf der Welt gab. Ihm wieder so nah zu sein, tat ihr im Herzen weh.
„Bitte
verzeih
mir, Spike. Lass mich für dich da sein“,
flüsterte sie und beobachtete, wie
sich seine Brust hob und senkte, während er schlief.
| 01-05 | 06-10 |