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Kapitel 1

 

Ihr Telefon klingelte fünf Mal, bevor der Anrufbeantworter ansprang.

 

„Hi, hier ist Buffy. Ich bin im Moment nicht zu Hause, also…ihr wisst, was ihr nach dem Piepton machen müsst.“

 

„Buffy?“ ertönte die leise Stimme ihrer Mutter schrill vom anderen Ende. „Schätzchen, bist du da?“

 

Sie rieb sich ihre müden Augen, bis sie das Telefon gefunden hatte. Sie hob den Hörer ans Ohr und murmelte: „Mom? Ich bin hier.“

 

„Oh Schatz, ich bin so froh. Es tut mir leid, dass ich dich geweckt habe, aber ich wollte diejenige sein, die es dir erzählt. Mrs. Price ist letzte Nacht gestorben. Die Trauerfeier ist morgen und am Montag wird sie beerdigt. William hat es das Herz gebrochen er ist völlig fertig. Es würde ihm sehr helfen, wenn du auch da wärst. Sie war doch so vernarrt in dich. Also? Wirst du kommen?“

 

Die Stimme ihrer Mutter verschwand im Hintergrund. Die Vögel vor ihrem offenen Fenster sangen sich gegenseitig ein Liedchen vor. Die Klingel eines Kinderfahrrads ertönte von irgendwo her. Ihr ganzer Körper wurde warm und sie putzte sich ihre klammen Hände an ihrer Bettdecke ab.

 

Sie dachte an die Nachmittage, an denen sie bei ihm in der Küche gesessen hatte und Mrs. Price Kuchen backte, während sie ihren Saft tranken und sich gegenseitig ärgerten. Sie erinnerte sich, dass seine Mutter wie immer einen frischen Hausmantel über ihrem geblümten, wadenlangen Kleid getragen hatte. Daran, wie sie nach gebackenem Brot gerochen hatte, als sie sie in den Arm genommen hatte, wenn William nicht mit im Raum war.

 

Sie wusste, dass es passieren würde, aber es war dennoch überraschend. In dem Moment, als sie sich an diesen einen Tag erinnerte, fühlte sie, wie sich etwas in ihrer Brust zusammenzog und ihr wurde klar, dass ihre andere „Mutter“ nicht mehr da war.

 

„Ja, ich werde da sein“, antwortete sie. Ihr wurde schlecht und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

 

„Danke Buffy. Er wäre das beste wenn du heute Abend schon kommen könntest. Ich mache dein Zimmer fertig, so kannst du hier bleiben.“

 

„Okay, danke“, antwortete sie leise. „Ich sehe dich dann heute Abend.“

 

„Gut. Ich liebe dich Schatz.“

 

„Ich liebe dich auch, Mom.“

 

Sie legte auf und starrte ins Leere.

 

Vierzehn Jahre hat sie ihn nicht mehr gesehen. Sie war gegangen und hatte niemals zurückgeschaut, aus Angst dass wenn sie es tun würde, sie niemals von ihm loskommen würde. Schon immer hatte er sie angezogen, an sich gerissen und nie wieder losgelassen. Bis zu der einen Nacht im August als sie achtzehn war, da hatte sie Nägel mit Köpfen gemacht.

 

Es tat immer noch weh. Jeden verdammten Tag.

 

Es gab viele Männer die versucht hatten sie zu halten. Aber keiner von ihnen hatte es geschafft. Wütend darüber, dass sie niemals gut genug für Buffy waren, hatten sie sie eine kaltherzige Schlampe genannt und regten sich darüber auf, dass sie IHM nicht das Wasser reichen konnten.

 

Langsam packte sie ihre Tasche, dann putzte sie sich die Zähne, während ein paar Tränen fielen. Sie stand vor dem Spiegel, berührte ihr feuchtes Gesicht und strich mit ihrer Hand über ihre Stirn zu ihrer Augenbraue. Sie erinnerte sich an die Narbe in seiner Braue, an diese unsagbar langen Wimpern, die seine hypnotisch blauen Augen umrahmten, die sie immer an einen Oktoberhimmel erinnerten. Augen, in denen man hätte ertrinken können und an seine scharfe Zunge, mit der er gedankenlose Kommentare und schmerzhafte Bemerkungen  abgegeben hatte.

 

Sie dachte an seine unerwartete Liebeswürdigkeit, eine Geste, die sie sehr schnell einwickelte und sie fühlen ließ, als ob niemand sie so sehen würde wie er es tat. Sie war dankbar für jeden kleinsten Krümel, den er ihr zuwarf. Sie glaubte, dass niemand ihren Verstand und Körper so gut verstehen könnte wie er.

 

Sie hoffte dass er sich geändert hatte, denn sie hatte es nicht. Sie liebte ihn immer noch so sehr, dass sie kaum atmen konnte

 

Sie hatte schreckliche Angst ihn wieder zu sehen, aber trotzdem würde sie fahren und ihnen Respekt zollen. Beiden, ihm und der Frau, die sie genauso wie ihre Mutter geliebt hatte.

 

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

 

Er saß zwei Reihen  schräg vor ihr, seine Beine waren unter dem Tisch lang ausgestreckt und seine Hände ruhten schlaff auf seinen harten Oberschenkeln. Heute wollte Mr. Hanscomb, dass sie sich den Film „Othello“ von Orson Wells  ansahen – und ihnen damit die Chance geben, Shakespeare zu würdigen.

 

Im Klassenzimmer war es sehr warm und als das Licht ausging und der Fernseher aufflackerte, fielen ihre Augen zu.

 

Sie hasste es. Hasste Shakespeare, sie versuchte herauszufinden, was das alles bedeutete. Warum konnten sie nicht einfach sagen was sie meinten, anstatt um den heißen Brei herum zu reden, in Worten, die sie nicht kannte. Sie hatte es immer wieder gelesen, aber sie blieben nicht hängen. Sie fühlte sich so dumm, weil er es verstand, nur sie nicht.

 

Er ist derjenige, der dumm ist, dachte sie, mit seinem weißen Haar, das er in kleinen Spitzen nach oben gegelt hatte. Dachte er wirklich, dass es ihn hart aussehen ließ? Seine Fingernägel waren schwarz lackiert und sein T-Shirt war mit Sicherheitsnadeln übersät, welche er hunderdprozentig aus dem Nähkästchen seiner Mutter geklaut hatte. Und das war mit Sicherheit nicht cool.

 

Sie beobachtete ihn, das bläuliche Licht des Fernsehers zeichnete Schatten auf seine Wangen und sein halboffener Mund zuckte.

 

Während sie ihn beobachtete, begann er die Wörter, die Orson sprach, leise für sich nachzusprechen.

 

„Der Himmel habe sie als solchen Mann
Geschaffen, und sie dankte mir und bat mich,
Wenn je ein Freund von mir sie lieben sollte,
Ich mög ihn die Geschicht erzählen lehren,
Das würde sie gewinnen. Auf den Wink
Erklärt ich mich.
Sie liebte mich, weil ich Gefahr bestand;
Ich liebte sie um ihres Mitleids willen“

 

Der Raum rückte in den Hintergrund. Zum allerersten Mal sah sie, wie brillant er wirklich war. Wie verdammt gut er aussah. Seine Lippen verformten sich, als er sie Worte sprach und sie wünschte sich, dass sie das Objekt seiner Begierde wäre. Sie stellte sich vor, wie seine Lippen an ihrem Ohr lagen und ihr seine Liebe zuflüsterten.

 

In dem Moment drehte er sich und sah, dass  sie ihn beobachtete. Seine Augen wurden schmaler und er zeigte ihr unter dem Tisch den Mittelfinger, so dass Mr. Hanscomb es nicht sehen konnte.

 

Sie strahlte ihn nur an. Darauf legte er den Kopf zur Seite und sah sie an, als ob sie verrückt wäre.

 

Er schaute weg. Sie bekam noch mit, dass er Dru ansah, seine Lippen spitze und ihr einen saftigen Kuss zuwarf.

 

Als sich auf Drus Gesicht langsam ein verzücktes Lächeln widerspiegelte, entschied Buffy, dass sie sie hasste. Fast so wie sie ihn dafür hasste, dass er sie so durcheinander brachte.

Kapitel 2

Sie fuhr mit ihrem Fahrrad, dabei trat sie so schnell sie konnte in die Pedale. Ihre Zöpfe flogen nach hinten und sie hatte den Geruch von dem frischgemähten Rasen des Nachbarn in der Nase. Ihre Knie waren aufgeschlagen und Dreck sammelte sich unter ihren Fingernägeln. Ihr T-Shirt war mit dem getrockneten Matsch, mit dem sie zuvor gespielt hatte, besudelt.

Sie raste den Gehweg entlang zum Nachbarhaus, vor dem ein Umzugs LKW stand. Männer schleppten Kommoden und dickgepolsterte Sessel heraus und schnauzten sich gegenseitig an. Vor dem LKW in der Garagenauffahrt hockte ein Junge in khakifarbenen Shorts und gleichfarbigem Hemd. Er riss Grashalme aus dem Rasen  und warf sie mit leisen Verschwörungen wütend auf dem Boden.

Sie fuhr an ihm vorbei bis zum Ende der Straße. Drehte dann um und wieder an ihm vorbei. Dies machte sie ein paar Mal und umkreiste ihn wie ein Raubtier seine Beute.

Nach dem fünften Mal hielt sie am Ende der Einfahrt an.

„Hi“, rief sie.

Er schaute überrascht auf.

„Ich heiße Buffy“, rief sie erneut.

Er rümpfte die Nase und schaute sie angewidert an.

Dadurch ließ sie sich aber nicht abschrecken. „Ich wohne nebenan.“

„Schön für dich“, sagte er unverschämt.

„Willst du mit mir spielen?“

Er schnaufte ärgerlich. „Sieht das so aus als ob ich spielen will?“

„Nein. Es sieht so aus als ob du traurig wärst.“

Er sagte nichts.

„Du bist niedlich.“ Sie sagte es in der Hoffnung, ihn damit aufzuheitern.

„WAS?!?! Das bin ich NICHT! Du dumme Kuh! Sind alle Yankees so dumm? Warum haust du nicht einfach ab und LÄSST MICH ALLEIN!“ Er riss eine Handvoll Gras aus dem Boden und bewarf sie damit, weil er nichts anderes finden konnte, dann drehte er sich um und rannte ins Haus.

Völlig benommen blieb sie für einige Minuten auf ihrem Fahrrad sitzen. Dann drehte sie und fuhr zu ihrer eigenen Auffahrt zurück und stellte fest, dass sie ihren neuen Nachbarn nicht leiden konnte.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Kurz vor 21.00 Uhr erreichte sie Sunnydale. Ihre Mutter hatte schon auf sie gewartet und hatte sich die Zeit mit einem Buch vertrieben. Als sie Buffy mit einer warmen Umarmung begrüßte, vergrub diese ihr Gesicht an der Schulter ihrer Mutter und bemerkte den wohlbekannten Geruch ihres Parfüms und den des Weichspülers, den ihre Mutter schon benutzte, als sie noch ein Teenager war.

„Ich bin so froh, dass du hier bist. Ich hab dich so vermisst.“

„Ich dich auch, Mom.“

„Hast du schon gegessen?“

„Ja, aber ich könnte was zu trinken vertragen.“

„Buffy?!?“

„Tee, Mom.“

„Oh, natürlich. Tut mir leid, Schätzchen. Ich bin nicht ich selbst im Moment. Ich bin sehr müde. Habe in den letzten Tagen nicht sehr viel Schlaf bekommen.“

In der Küche holte Buffy die Lieblingstassen ihrer Mutter aus dem Schrank, während Joyce den Kessel aufsetzte und sich auf einem Stuhl, der an der Kücheninsel stand, niederließ. Sie warteten ohne ein Wort darauf, dass das Wasser anfing zu kochen. Joyce rieb sich mit ihren Händen über ihre Augen und war glücklich über diese kleine Atempause, während Buffy die Teebeutel und den Zuckertopf mit den winzig kleinen Löffeln holte.

Als der Kessel pfiff, zeigte sie ihrer Mutter an, dass diese sitzen bleiben sollte, stellte den Ofen aus und goss für sie beide das Wasser in die Tassen. Der leichte Geruch von Kamilleblumen erfüllte den Raum. Buffy legte ihre Hände um die Tasse, während diese noch auf der Ablage stand. „Also…wie geht es ihm?“

„Er ist total durcheinander. In den letzten Monaten war er nur für seine Mutter da. Hat sie gefüttert, ihr ihre Medikamente gegeben. Er hat ihr vorgelesen und ihr Lieder gesungen…ich denke, er wird die erste Zeit nicht wissen, was er mit sich anfangen soll. Ich habe ihm über einem Monat jeden Tag etwas zu essen gebracht. Ich mache mir wirklich Sorgen um ihn, Buffy.“

In ihren Augen schimmerten zurückgehaltene Tränen. „Ja, ich auch…“

„Ich denke es wird ihm sehr viel bedeuten, wenn er dich sieht, wenn er weiß, dass du gekommen bist.“

„Nun, ich weiß nicht…“

„Natürlich wird er das. Die Trauerfeier ist morgen und danach werden sich alle in seinem Haus zusammenfinden. Du wirst doch mit mir kommen, oder?“

„Ja, natürlich werde ich das, Mom. Darum bin ich doch hier.“ Sie hielt einen Moment inne, bevor sie weiter sprach. „Ich bin wegen euch beiden hier.“ Sie machte erneut eine Pause und fügte noch leise hinzu: „Und für Mrs. Price.“

Joyce nickte. „Ich werde mich jetzt zurückziehen, Schatz. Ich bin fertig. Dein Zimmer steht für dich bereit. Das Bett ist frisch bezogen und im Bad liegen saubere Handtücher.“

Buffy ging um die Insel herum und legte ihrer Mutter einen Arm um die Schultern und umarmte sie. „Danke. Obwohl ich denke, dass ich mich hier noch zurechtfinden werde.“

Joyce lächelte sie an und trank den Rest ihres Tees. Sie stand auf und bevor sie den Raum verließ, drehte sie sich noch einmal um. „Buffy?“

„Ja?“

„Er hat die ganze Zeit über nach dir gefragt. Immer wieder.“

Darauf konnte sie nichts sagen. Ihre Augen brannten noch mehr vor lauter unterdrückten Tränen und ihr Hals war wie zugeschnürt. Sie konnte doch jetzt nicht weinen, noch nicht. Am nächsten Morgen würde sie die Tränen nicht unterdrücken können. Es wäre besser, sie so lange zu unterdrücken, bis es nicht mehr ging, dann war es auch nicht so schlimm, ihn wieder zu sehen. Das einzige, was sie dann schlussendlich herausbrachte, war: „Gute Nacht.“ Joyce allerdings erwiderte dies damit, dass sie ihre Lippen fest aufeinander presste und ging.

Buffy stelle die Tasse ihrer Mutter in die Spüle und spülte diese gut aus. Dann nahm sie ihre Tasse von der Ablage und ging die Treppe hinauf in ihr Zimmer.

Mit jedem Quietschen der Treppenstufen erinnerte sie sich an gewisse Dinge. Als er elf Jahre alt gewesen war und auf der untersten Stufe gesessen hatte, während er auf sie gewartet hatte, dass sie mit ihm Fußball spielte. Er im Alter von dreizehn, als sie nach ihm geschlagen hatte als sie ein Wettrennen die Treppe hinauf gemacht hatten und ihr alles Recht gewesen war, um gegen seine Agilität und Schnelligkeit zu gewinnen. Als er sechzehn gewesen war und vor der Haustür gestanden hatte, in seinem schweißnassen T-Shirt, das an seinen durchtrainierten Muskeln klebte, während er unterm Arm einen Basketball hielt.

Als sie oben ankam, ging sie den Flur entlang in ihr Zimmer. Das Bett war mit der gleichen Blümchenbettwäsche bezogen, in der sie schon in ihrer Highschool Zeit geschlafen hatte. Sie war schon sehr abgenutzt, aber sehr weich und bequem. Die Gardine wehte durchs leicht geöffnete Fenster ins Zimmer hinein. Das Fenster war genau gegenüber seinem Schlafzimmerfenster und nur ein Rasen lag dazwischen.

Seinen Schatten sieht sie kaum, aber seine Nachttischlampe brennt neben seinem Bett. Sie kennt den Schein dieser Lampe ganz genau und wie sie ihre Schatten wirft.

Sie kann ihn immer noch sehen, wie er auf seinem Bett liegt und die Konturen seines nackten Oberkörpers im Mondlicht silbrig schimmern. Die hohen Wangenknochen, wie sich seine langen Wimpern auf seine Wangen legen. Seine blasse Haut, die so perfekt war, dass sie manchmal sogar das Atmen vergaß.

Nichts von all dem hatte sie jemals vergessen.

Sie stellte sich vor, wie er jetzt in seinem Bett lag. Lesend, oder vielleicht schlief er auch schon und hatte nur vergessen, das Licht auszuschalten. Oder, was natürlich am nahesten lag, saß er verletzt da und trauerte.

Und dachte an sie genauso wie sie an ihn dachte.

Es dauerte lange bis sie einschlief. Sie wollte ihre Augen nicht schließen, aus Angst, die kleinste Bewegung von ihm zu verpassen, aus Angst, nicht zu sehen, wie gegenüber das Licht gelöscht wurde.

Kapitel 3

Sie trug zur Kirche ihren Faltenrock, der Stoff war hart und kratzte an ihren Oberschenkeln. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, hatte der Pfarrer gesagt. Als sie im Auto saßen, dachte sie über ihre neuen Nachbarn nach.

„Mommy? Vater Wilson sagte `Liebe deinen Nächsten´.  Bedeutet das, dass ich unsere neuen Nachbarn auch mögen muss?“

„Nun, Schätzchen, es bedeutet, dass du andere Menschen so behandeln sollst, wie du behandelt werden möchtest.“

„Und was ist mit Menschen, die ich überhaupt nicht kenne?“  

„Die auch. Es bedeutet, dass jeder Mensch freundlich und mit Respekt behandelt werden soll.“

Sie dachte den Rest des Weges darüber nach. Es ärgerte sie dass sie jemanden gern haben sollte, der so fies zu ihr gewesen ist. Er hatte SIE  nicht gerade freundlich behandelt. Sie ärgerte sich darüber, dass alles von ihr ausgehen sollte.

Sie stampfte die Treppe hinauf und war genauso sauer auf Vater Wilson wie sie es auf den neuen Jungen war. In ihrem Zimmer setzte sie sich auf ihr Bett und schnappte sich ihr rosa Stofftierschwein, Mr. Gordo.

Sie sah Bewegungen in dem Fenster, das dem ihren genau gegenüberlag. Er saß genauso wie sie auf seinem Bett. Er hatte ein Blatt Papier und einen Umschlag in der einen Hand. Die andere lag vor seinem Gesicht, während er hineinweinte. Sie konnte sehr leise sein Schluchzen hören und sie sah wie seine Schultern bebten. Ihr tat es weh, ihn so weinen zu sehen. Sie konnte sich nicht daran erinnern, jemals jemanden gesehen zu haben, der so verletzt war.

Sie stand auf, ging nach unten und ihre ganze Wut war vergessen. In der Küche entdeckte sie einen Teller mit selbstgebackenen Schoko Cookies unter einem Trockentuch. Sie schnappte sich den Teller und ging zur Hintertür hinaus und setzte sich wartend auf die Treppe.

Sie brauchte nicht lange warten. Fünfzehn oder zwanzig Minuten später kam er zur Hintertür hinausgestürmt und die Holztür schlug hinter ihm zu. Er warf das Papier und den Umschlag in den Swimmingpool, der sich hinter dem Haus befand. Er beobachte wie es auf der Oberfläche schwamm und dann langsam aufquoll und sank. Er nahm einen Stein, der neben seinem Fuß lag, auf und warf ihn gegen den Zaun, der hinter dem Pool gezogen war. Mit einem lauten „Thunk“ traf er auf das Holz, also schnappte er sich den nächsten. Und noch einen. Sein Arm flog immer wieder vor und zurück und sein Haar bewegte sich mit jeder Bewegung, bis ihm die Steine ausgingen und er völlig erschöpft war. Er lehnte sich nach vorn, stützte sich mit den Händen an den Oberschenkeln ab und schnappte nach Luft. 

Sie dachte immer noch, dass er niedlich aussah, aber das würde sie ihm nicht noch einmal sagen.

Stattdessen räusperte sie sich. Er drehte sich um, seine Brust hob und senkte sich, als er immer noch tief Luft holte, und er sah sie nichts sagend an. Sie hielt einfach nur den Teller hoch. Er sah sie vorsichtig abschätzend an. Dann wurde sein Gesichtsausdruck weicher und er zwinkerte ihr zu. Er kam zu ihr herüber und setzte sich mit einem lauten Seufzer neben sie.

Nachdem er zwei von den Keksen gegessen hatte und sich den dritten gerade nehmen wollte, nahm sie auch einen.

„Wie heißt du?“

„William.“

„Ich bin Buffy.“

„Das hast du mir schon mal gesagt.“

„Oh…Hast du ein Fahrrad, William?“

„Ja.“

„Willst du mit mir zusammen zu dem See in Hollies Woods fahren?“

„Ja. Okay.“

~~~~~~~~~~

Der Morgen der Beerdigung war sonnig und frisch. Durch das offene Fenster würde der Gesang der Vögel mit der leichten Brise in das Zimmer getragen. Die Luft duftete nach frisch geschnittenem Gras und Honigblumen.

Das Sonnenlicht fiel über ihr Bett, genauso wie es immer war, wenn sie ihre Augen öffnete und sein Fenster ansah. Ihre Mutter befand sich in dem Bad was ganz hinten am Flurende lag und ihr blumiger Duft erweckte in Buffy Erinnerungen. Es war als wäre sie ein paar Jahre zurückgereist. Sie kannte das alles noch von früher.

Nebenan bewegte sich nichts. Sie erlaubte sich für ein paar Minuten nichts anderes zu machen als still da zu liegen und die Vorhänge vor seinem Fenster zu beobachten, wie sie sich durch die gleiche Brise genauso bewegten wie ihre Gardine. Sie fragte sich, ob er auch das Gras und die Blumen roch, ob er auch jetzt so da lag und ihr Fenster ansah. Sie erinnerte sich, wie sie sich seit dem Tag jeden Morgen durch diese besagten Fenster begrüßt hatten.

Aber nicht heute, dachte sie reumütig.

Sie stand auf, machte ihr Bett und legte ihre Unterwäsche, das schwarze Kleid, Strumpfhose und Pumps heraus. Dann machte sie sich bereit, ihn wieder zu sehen und sich von seiner Mutter zu verabschieden.

Sie und ihre Mutter waren sehr still als sie nach unten kam, ein leises `Guten Morgen´ und eine kurze Auskunft, wo und wann die Trauerfeier begann war das einzige was sie sagten. Sie tranken ihren Kaffee, holten kurz Luft und atmeten lange und langsam mit einem Seufzen aus. Sie versuchten innerlich so ruhig zu bleiben wie sie es nach Außen hin waren.

Sie verließen so gegen 10.00 Uhr das Haus, denn um 10.30 Uhr war auf dem Restfield Friedhof  die Beerdigung angesetzt. Als sie dort ankamen, standen schon massenweise Autos hintereinander an der Straße und eine beachtliche Menge Menschen ging den Weg entlang zum Grab. Buffy stolperte den rauen Asphalt hinauf und wünschte sich, sie hätte andere Schuhe angezogen. Sie waren mit den Nerven am Ende. Sie konnte eine große Menschenmenge vor sich sehen, die sich wie ein Bienenschwarm um ihn versammelt hatten. Ihr Magen drehte sich um und ihre Handflächen waren schweißnass. Es war vierzehn Jahre her. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie er wohl aussehen würde, ganz besonders in diesen Umständen.

Dann bewegten sie sich und sie konnte ihn sehen. Er trug einen grauschwarzen Anzug, der locker an seinem Körper herunter hing. Das weiße Hemd sah nagelneu aus mit dem steifgebügelten Kragen. Seine Haut glich der eines Geistes und kleine Krähenfüße waren an seinen Augen auszumachen. Sein Haare hatten wieder sein natürliches Braun, sie waren länger und an den Spitzen konnte man noch sehen, dass sie mal wasserstoffblond gewesen waren. Er hatte anscheinend kaum Zeit dafür aufbringen können um sie weiterhin zu bleichen. Sein Gesicht sah ziemlich abgemagert und krank aus. Seine Arme hingen schlaff an seinem Körper hinunter, selbst als die Leute ihm sein Beileid aussprachen, ihn in den Arm nahmen oder ihm liebvoll auf die Schulter klopften.

Er sah auf und erblickte sie. In seinem Gesicht konnte sie seine Überraschung erkennen. Auch sie sah, wie er sehr tief Luft holte und sich kerzengerade aufrichtete, als die Summers Frauen auf ihn zukamen.

Ihre Mutter nahm ihn ganz fest in den Arm und ganz leise sagte sie zu ihm: „Es tut mir so leid, William. Sie war eine ganz besondere Frau und eine sehr gute Freundin.“ Er erwiderte ihre Umarmung, brach aber niemals den Blickkontakt mit Buffy, es machte den Anschein, als hätte er Angst, dass wenn er es täte, sie spurlos verschwinden würde.

Als ihre Mutter einen Schritt zur Seite machte, stand sie genau vor ihm. Sie fragte sich, ob ihre Stimme sie im Stich lassen würde, aber sie schaffte doch noch etwas zu sagen.

„Hallo, Spike.“

Ein Mundwinkel zog sich nach oben. „Hallo Buffy. Es ist schon eine ganze Weile her, dass mich jemand so genannt hat.“

„Es tut mir so leid…wegen deinem Verlust.“ Es war sehr unangenehm und sie wusste absolut nicht, was sie mit ihren Händen machen, oder wohin sie schauen sollte.

Er überraschte sie als er einen Schritt auf sie zuging und sie ganz fest umarmte. Er drückte sie so hart, dass sie sich sicher war, dass sie am nächsten Tag blaue Flecken auf ihrem Rücken und den Unterarmen haben würde. „Danke“, sagte er mit heiserer und stockender Stimme.

Er fühlte sich so gut an. Sein Körper passte perfekt zu ihrem, genauso hatte sie ihn in Erinnerung behalten.  Die Erinnerung daran, dass sie schon öfter so aneinandergepresst dagestanden hatten… ihre abwehrende Haltung verschwand und sie ließ die Gefühle auf sie herein brechen. Ihre Augen füllten sich augenblicklich mit Tränen, als sie seinen unnachahmlichen sauberen Duft wahrnahm. Alles was sie noch fühlen konnte war ihre Liebe zu ihm, die langsam in ihr herauf kroch. Ihr Hals war trocken und sie dachte sie müsste ersticken, als sie sein Herz an ihrer Brust spürte.

Als er sich zurückzog, tat er dies sehr langsam, denn er wollte sie eigentlich nicht loslassen. Er fixierte sie mit seinen sturmblauen Augen. Sie war von dem Schmerz und Verlangen, das sie darin erkennen konnte, wie gelähmt.

„Bleibst du noch? Kommst du nachher auch noch ins Haus? Bitte?“ Sein `Bitte´ war so verzweifelt dass sie dachte, ihr Herz würde auf der Stelle für ihn zerspringen.

„Natürlich“, versprach sie ihm und streichelte seine Hand.

„Danke“, flüsterte er noch einmal. Dann wurde er von dem Priester an die Seite genommen, damit dieser mit der Trauerfeier anfangen konnte.

Ihre Mutter stellte sich neben sie, nahm ihre Hand und drückte diese.

„Danke“, flüsterte sie und war glücklich für diese Unterstützung. Alles was sie sehen konnte war, wie er sie angesehen hatte, sie angefleht hatte, ihm zu helfen.. Es war der gleiche Blick, den er ihr geschenkt hatte, als sie vor all den ganzen Jahren weggegangen war.

Seitdem verfolgte er sie.

Trotz der Liebenwürdigkeit an diesen Tag, erschauderte sie bei dem Gedanken, dass sie sich gegenseitig all die Jahre schmerzlich vermisst hatten.

Kapitel  4

„Die sind ja alle krumm!? Oh Gott! Der Boden wird unter uns zusammen brechen!“

„Sei ruhig, Buffy. Als ob du es besser könntest.“ Er schlug den Nagel mit dem Hammer weiter durch das knorrige Sperrholzbrett  in den Baum hinein und stabilisierte das letzte Bodenstück des nachbarschaftlichen Baumhauses.

Mit erhobenem Kopf stemmte sie ihre Fäuste an ihre Hüften. „Und ob ich das kann, gib her!“ Sie griff nach dem Hammer, aber er erhob sich und hielt ihn so hoch, dass sie ihn nicht erreichen konnte.

„Nee, ich denke, das können wir nicht riskieren. Unsere Prinzessin könnte sich auf den Finger hauen und heult dann den ganzen Weg nach Hause“, sagte er verhöhnend und streckte ihr die Zunge raus, als sie ihm auf den Arm schlug, um an den Hammer zu kommen. Nach ein paar Versuchen gab sie auf und trat ihm stattdessen auf den Fuß. Der Hammer fiel zu Boden und der Griff traf ihn am Kinn.

„AUTSCH! Blöde Kuh! Das tat WEH!“

Sie schnappte sich das Werkzeug und fing sofort an, den letzten Nagel bis zum Anschlag in den Baum zu schlagen. Dann ging sie einen Schritt zurück und grinste ihn siegessicher an. „Wer heult jetzt, Willie?“

Er sah sie sehr wütend an. „Nenn mich nicht so.“

„Warum nicht?“ Sie schnitt ihm Fratzen und bemerkte nicht, dass er immer ruhiger wurde.

„Lass es einfach“, sagte er ganz leise, und sie hielt sofort inne. Seine Stimme hörte sich sehr verletzt an.

Ihre Augen weiteten sich. „OH! Dein Dad! Er hat dich…oh.“

„Sei ruhig, du Idiotin.“ In seinen Augen standen Tränen. Er kletterte so schnell er konnte die Strickleiter hinunter, sprang auf sein Rad und fuhr wie ein Bekloppter den Feldweg entlang, aus dem Wald hinaus zurück nach Hause.

Auch sie kletterte die Leiter hinunter und rief ihm hinterher.

„Will warte! Halt doch mal an! Warte auf mich!“ Sie stürzte sich auf ihr Rad und versuchte ihn aufzuholen, aber sein Fahrrad war größer und er hatte längere Beine. Er fuhr einfach weiter und der Abstand zwischen ihnen wurde immer größer.

Also konzentrierte sie sich auf ihn, wie er immer kleiner wurde und übersah dabei den dicken Stein, der mitten auf dem Weg lag. Ihr Vorderrad traf ihn und sie flog über den Lenker. Sie rutschte über den staubigen Boden und schlug sich den Kopf an einem Baumstupf ein.

Sie muss geschrieen haben, denn schnell wie ein Blitz war er da, warf sein Rad zu Boden und kniete sich mit riesigen Augen neben sie.

„Gott, was ist denn passiert?“

Sie weinte so feste, dass sie nicht richtig Luft holen konnte. Ihr Gesicht schmerzte, sie hob ihre Hand und fuhr darüber. Als sie sich ihre Hand ansah, war diese feucht und rot. Bei dem Anblick ihres Blutes fing sie an zu schreien.

„Shhh. Es ist okay. Du hast dir den Kopf eingehauen. Lass mich mal sehen.“ Er schob ihre Hände beiseite und strich ihr die Haare aus dem Gesicht. Dann zog er sein T-Shirt aus und drückte dies auf die Wunde über ihrem linken Auge.

Ihr eines Bein brannte wie Feuer, kleine Steinchen und Granitbröckchen stecken in ihrer Haut und das Blut rann über ihr Knie.

Sie weinte so sehr, dass sie nicht sprechen konnte und versuchte ihn immer von sich zu stoßen. Aber er ließ es nicht zu.

„Buffy, hör auf. Komm schon. Ich bring dich nach Haus zu deiner Mum.“ Er schob einen Arm unter ihre Achsel und wollte ihr beim Aufstehen helfen, aber das brachte sie dazu, noch mehr zu heulen.

Er legte seine Hände an ihr Gesicht. Es war das erste Mal, dass er sie so zärtlich berührte. Es überraschte sie so sehr, dass sie mit dem Gebrüll aufhörte und nur noch schniefte, als sie in seine himmelblauen Augen sah.

„Hey. Ich hab ich. Es wird alles wieder gut, aber wir müssen dich nach Hause bringen, okay?“ Seine Stimme war ruhig und gedämpft, so als ob er mit einem wilden Tier sprechen würde. Es beruhigte sie ungemein. „Kannst du laufen?“

Sie versuchte es, doch als sie ihr Gewicht auf ihr verletztes Bein verlagerte, schrie sie kurz auf.

Er sagte nichts, nahm sie mit einem Keuchen auf seinen Arm und marschierte los, um sie nach Hause zu bringen.

Sie waren beide für einige Minuten still. Sie schniefte und putzte ihre Nase mit ihrer blutverschmierten Hand ab, dann hielt sie diese vor sich hin, als ob sie nicht wissen würde, was sie mit dem Schnodder machen sollte.

"Wenn du das an mir abputzt, lasse ich dich fallen wie eine heiße Kartoffel.“

Sie kicherte und das brachte ihn zum Grinsen.

„Tut mir leid, das mit deinem Vater. Ich wusste nicht, dass er dich so genannt hat, Will. Vermisst du ihn? Hat er sich mal gemeldet? Hast du mit ihm gesprochen?“

„Buffy?“

„Ja?“

„Halt den Mund. Ich kann nicht sprechen, wenn ich dich den ganzen Weg nach Hause tragen muss. Du wiegst mindestens eine Tonne.“

Sie schlug ihm auf die nackte Brust. Er grinste nur großspurig und arrogant. Das war etwas Neues an ihm, aber es stand ihm sehr gut.

~~~~~~~~~~

Sein Wohnzimmer und die Küche waren voller Menschen, die auch auf der Beerdigung gewesen waren. Die Frauen aus der Kirchengruppe seiner Mutter, Leute aus der Nachbarschaft, seine Verwandten, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Sie stand am Kamin und beobachtete ihn, wie er teilnahmslos durch den Raum ging. Seine Augen waren glasig, er sah erschöpft aus. Je weiter der Tag voranschritt war, desto zerknitterter war sein Anzug. Er fuhr sich immer wieder nervös mit einer Hand durch sein zweifarbiges Haar, um es glatt zu streichen, wenn ihm jemand sein Beileid aussprach.

Buffy sah sich das Essen an, das für die Trauergäste aufgestellt war, aber sie hatte keinen Appetit. Langsam verabschiedeten sich die Leute. Bis zur Dämmerung waren nur noch sie, ihre Mutter, seine Tante und sein Cousin übrig.

Er brachte seine Verwandten zur Tür und fragte sie mit müder Stimme, in welchem Hotel sie abgestiegen wären und wann sie wieder fahren würden. Als er sie nach draußen geleitete, holte Joyce ihren Mantel und ging zu Buffy.

„Ich werde auch nach Haus gehen, Schätzchen. Kommst du mit?“

Buffy beobachtete ihn. Er sah so verletzt aus. Sie wollte etwas tun – Sie war noch nicht bereit, ihn allein zu lassen – nicht nachdem sie ihn nach all den Jahren wieder gesehen hatte. Sie sah sich im Raum um und sah die ganzen Plastikbecher und Pappteller, die auf den Tischen und Kommoden standen.

„Ich denke, ich werde ihm erst ein wenig beim Aufräumen helfen.“

„Das ist so lieb von dir, Schätzchen.“ Sie nahm Buffy in den Arm und drückte sie kurz. Als sie sich von ihr löste sah sie, wie ihre Schultern nach unten fielen. Ihre Mutter sah auch sehr müde aus.

„Ich sehe dich dann gleich zu Hause, Mom.“

Joyce ging zu William, der immer noch an der Tür stand und umarmte ihn noch einmal. Er legte sich in ihre Umarmung, drehte seinen Kopf, legte ihn auf ihre Schulter und schloss die Augen. Buffys Kehle zog sich vor Kummer zusammen. Für sie sah er aus wie ein kleiner  verlorener Junge und ein sehr müder Mann in einer Person.

Sie wollte diesen Moment, welchen er anscheinend sehr brauchte, nicht zerstören. Sie wusste dass er ihrer Mutter sehr nahe stand. Das war schon so seitdem sie Kinder waren. Also machte sie sich nützlich und sammelte das Plastikgeschirr zusammen und warf sie in der Küche in den Mülleimer. Danach ging sie zurück, um die Servierplatten mit dem übrig geblieben Essen zu holen und diese im Kühlschrank zu verstauen.

Sie hörte wie die Haustür zufiel und ging zurück ins Wohnzimmer. Da saß er, zusammen gekauert auf dem Boden und weinte.

Sie überlegte keine Sekunde, ging neben ihm in die Knie und nahm ihn in den Arm, als ob er ein kleines Kind wäre. Er versuchte sie von sich zu stoßen.

„Das kann ich nicht verlangen. Du solltest jetzt gehen. Bitte…“ seine Stimme brach, so spröde wie hauchdünnes Glas.

„Shhh.“ sagte sie zu ihm. Mit einer Hand an seinem Hinterkopf drückte sie sein Gesicht an ihren Nacken. „Ich hab dich.“

Mit lauten und schauderhaften Schreien ließ er sich fallen und durchnässte ihr Kleid mit seinen Tränen. Sie sagte nichts, wiegte ihn bis er sich etwas beruhigte und schließlich ganz aufhörte.

Sie nahm seine Hand in ihre, die große Handfläche, an die sie sich noch so gut erinnerte und zog ihn die Treppe hinauf in sein Zimmer. Sie zog ihm seine Schuhe aus und half ihm, sich in sein Bett zu legen. Er protestierte nicht, sondern legte sich mit seinem Anzug unter die Decke. Sie legte eine Hand an seine Wange und ihre Finger kribbelten, als sie diese wohlbekannte Haut berührte

Seine Augen waren schwer und er flüsterte: „Danke.“

Er war schon eingeschlafen, bevor sie ihm antworten konnte und sie war sich sicher, dass er nicht mitbekam, was sie dann sagte. „Gern geschehen. Ich bin ja jetzt für dich da, Will.“  

Kapitel 5

In dem Sommer, als sie fünfzehn war, wachte sie durch Unterleibsschmerzen auf und dickes, klebriges Blut klebte an den Haaren zwischen ihren Schenkeln.

Sie wusste woher das Blut kam; ihre Mutter hatte ihr ein Jahr zuvor ein Buch gegeben. Sie hatte sich dann damit in ihrem Zimmer eingeschlossen und hatte es fasziniert verschlungen. Danach hatte sie ihre Hand in ihre Shorts geschoben und hatte all die Stellen berührt, die in dem Buch gestanden hatten. Und es hatte sich so gut angefühlt.

Seitdem streichelte sie sich dort  fast jeden Tag und zog dabei ihre plötzlich zu engen T-Shirts aus, um ihre wachsenden Brüste zu befreien.

Zuerst dachte sie an Schauspieler, während sie sich befriedigte. Einmal stellte sie sich vor, wie sie einen niedlichen Jungen aus der Abschlussklasse küsste, der einmal „Hi“ zu ihr gesagt hatte. Aber dann fiel ihr Will auf. Oder „Spike“, wie er neuerdings genannt wurde. Sie fand, dass es ein bescheuerter Name war, konnte sich aber ein Lächeln nicht verkneifen. Sie wusste, dass die Jungs vom Basketballteam ihm den Namen verpasst hatten.

Er übte das Körbewerfen in der Auffahrt seines Hauses und trug dabei abgeschnittene Jeans und weiße, ärmellose T-Shirts. An seinen Armen und Beinen hatte er jetzt lange und starke Muskeln. Ein harter, flacher Bauch kam zum Vorschein wenn er sein Shirt hochzog, um sich damit das Gesicht abzuwischen. Wenn er hochsprang, um den Ball durch den Korb zu werfen, rutschte seine Hose ein wenig hinunter und man konnte den Ansatz seines Hinterns sehen, und man bemerkte, dass er keine Unterwäsche trug. Sie dachte immer, dass es eklig wäre, doch konnte sie es nicht lassen, es sich vorzustellen, wenn sie sich selbst streichelte.

Sie dachte an die vielen Male, als er zum Fernsehen rüber gekommen war. Immer noch schweißgebadet, ohne Shirt, die Hosen tief auf den Hüften hängend.  Sie sah feine Haare, die von seinem Bauch in seine Shorts führten und stellte sich vor, diese zu berühren. Sie dachte an seine vollen Lippen und wie sie sich wohl auf ihren anfühlen würden. Sie stellte sich vor, wie seine Hände und langen Finger ihre Brüste streichelten, oder ihren Bauch…und auch etwas tiefer. Dass er sie so anfassen würde, wie sie es fast jeden Tag tat, wenn sie von der Schule kam und allein war.

Sie rief seinen Namen, wenn ihr Höhepunkt kam. Aber sie sie hielt jedes Mal völlig entsetzt eine Hand vor den Mund, wenn es ihr bewusst wurde.

An dem Morgen, als sie zu ersten Mal ihre Regel bekam, stand sie sehr früh auf. Nachdem sie ihrer Mutter von ihrem Missgeschick erzählt hatte, ging sie ins Badezimmer, und wusch sich. Danach  ging sie zurück in ihr Zimmer. Sie stellte sich an ihr Fenster und zog den Vorhang zur Seite. Er war auch in seinem Zimmer und gelte gerade seine weißblonden Haare zu kleinen Spitzen. Als sie ihn das erste Mal mit den gebleichten Haaren gesehen hatte, war sie völlig schockiert gewesen. Aber nun mochte sie es. Konnte sich kaum noch daran erinnern, wie er vorher ausgesehen hatte, denn er war nicht mehr der gleiche Junge.

Er sah nicht mehr zu ihr herüber. Ging nicht mehr zu dem Baumhaus, um sich mit ihr dorthin zu setzen um mit ihr zu quasseln oder Karten zu spielen. Einen Monat zuvor hatte sie dort einen Stapel Pornoheftchen gefunden und hatte ihn angeschrieen, wie er sie denn dort liegen lassen könnte. Zuerst war er sehr verlegen gewesen, aber dann wurde er stinkig und fragte sie, ob sie überhaupt irgendetwas gelernt hätte, denn „Mein Gott“, giftete er sie an, „dir müssen sie wirklich noch viel beibringen.“ Seitdem war er nicht mehr da gewesen und die Heftchen waren auch verschwunden.

Sie vermisste ihn. Diese große, unangenehme Sache passierte mit ihr und sie wünschte sich, sie könnte mit ihm darüber reden. Obwohl, er würde sich garantiert über sie lustig machen; womöglich würde er es überall herumerzählen oder ihr sagen, dass sie ekelerregend wäre.

Sie beobachtete ihn als er sich umdrehte und die Bürste zur Seite legte und dann  sein Teil  in seiner Hose richtete. Sie hatte es schon tausend Mal gesehen, wie er es gemacht hatte, aber irgendetwas war auf einmal anders. Sie stellte sich vor, wie er dort unten aussah und sie errötete. Ein heißer Schub von Erregung strömte zwischen ihre Beine und ließ ihren Unterleib noch mehr verkrampfen.

Er sah niemals herüber. Sah niemals, wie sie ihn beobachtete, oder bemerkte nicht, wie sehr sie ihn vermisste, sich nach ihm sehnte.

~~~~~~~~~~

Buffy wachte am nächsten Morgen auf der Couch in seinem Wohnzimmer auf. Ihr Rücken schmerzte, weil sie anscheinend in einer unmöglichen Position gelegen haben muss.

Am Abend zuvor, nachdem Spike eingeschlafen war, war sie wieder nach unten gegangen und hatte festgestellt, dass das Haus in einem chaotischen Zustand war. Buffy entschied, dass sie es am nächsten Morgen in Angriff nehmen würde, denn er hätte garantiert nicht die Energie dafür, es selbst zu tun. Also rief sie ihre Mutter an und sagte dieser, dass sie bleiben würde um auf ihn aufzupassen und für ihn aufzuräumen.

Sie stand auf und regte sich. Ihr schwarzes Kleid war total verknittert und ihr Haar zerwühlt. Ihre Augen schmerzten, weil sie sich am Abend zuvor nicht abgeschminkt hatte. Sie hob den Kopf und betrachtete die Bilder auf dem Kaminsims. Auf einem Foto war seine Mutter in ihrem Hochzeitkleid und Mr. Price stand strahlend hinter ihr. Die anderen waren mehrere von Will als Junge in den verschiedensten Sporttrikots – und auf einigen hielt er ein Pokal hoch. Dann stand dort noch eins von seinem High School Abschluss. Er sah traurig und müde aus.

Buffy wischte den Staub von dem letzten Bild und fuhr mit ihrem Zeigefinger über seine Gesichtszüge. Sie wünschte, sie könnte den traurigen Gesichtsausdruck so einfach wie den Staub wegwischen. Sie konnte sich noch ganz genau an diese Zeit erinnern; die Erinnerung war wie ein Splitter aus Eis in ihrem Herzen.

Mit einem tiefen Seufzen ging sie in die Küche, wo sich das Geschirr, mit angetrockneten Essensresten,  haushoch stapelte. Sie nahm eine Schürze – vermutlich eine von Mrs. Price – und zog sie über ihr Kleid, dann ließ sie heißes Wasser in die Spüle.

Sie stürzte sich in die Arbeit und obwohl sie nicht sehr gern spülte, beruhigte sie die Arbeit irgendwie. Die kreisenden Bewegungen, das leise Knistern der Seife, wenn der Schwamm über den Teller glitt. Sie hatte das Gefühl, dass dies wenigstens etwas war, was sie für ihn tun konnte, es beruhigte sie und half ihr sich darauf vorzubereiten, wenn er nach unten kam und dem Tag entgegensah.

Nach zehn Minuten hörte sie etwas im Flur. Sie drehte sich um und sah über ihre Schulter, dass er den Flur entlang schlurfte. Er hatte nur eine Jeans an und sein Haar lag in Locken durcheinander auf seinen Kopf. Sie konnte sich für einen Moment nicht bewegen, konnte nicht atmen als sie ihn beobachtete, wie sein Körper sich bewegte. Er war stark und schlank wie er es immer gewesen war, einfach nur atemberaubend. Aber er hatte seinen Übermut, Stolz und vor allem seinen Kampfgeist verloren.

Als er sie in der Küche sah, erschrak er und verschränkte einen Arm über seiner Brust. Er erspähte seine Anzugsjacke vom Tag zuvor auf der Rückenlehne der Couch und zog sie schnell an. Sie war sichtlich überrascht über seine Bescheidenheit, nach all dem, was sie getan hatten, all dem, was sie gemeinsam erlebt hatten.

Sie putzte ihre nassen Hände an der Schürze ab und drehte sich ganz um, um ihn anzusehen und schenkte ihm ihr schönstes Lächeln.

„Morgen. Hast du gut geschlafen?“

„Ja.“ Er lehnte sich an die Wand im Flur neben der Küchentür. „Nicht besonders gut, aber ich konnte mich etwas ausruhen.“ Seine Augenbrauen zogen sich zusammen. „Was machst du da?“

Sie hob ihre Hände und zeigte auf das Spülwasser. „Ich dachte, das wäre offensichtlich…“

„Ja, sicher. Aber was ich meinte ist, WARUM du das machst?“

„Nun, alles war so durcheinander und musste aufgeräumt werden. Ich habe heute nichts anderes vor, also dachte ich…“

Er unterbrach sie. „Du dachtest…Was? Dass ich unfähig bin? Dass ich ohne deine Hilfe nicht wüsste, was ich tun muss?“

„Nein, es ist…ich wollte es. Das ist alles.“

Er sah auf den Boden hinunter und vergrub seine Hände in seinen Hosentaschen, während er sich leicht nach vorn beugte. Buffy dachte, dass sie ihn noch nie so klein und niedergeschlagen gesehen hatte.

Seine Stimme war sehr leise als er ihr sagte: „Das brauchst du nicht.“

Sie beobachtete ihn, wie seine Augen auf dem Boden herumsuchten, bis er bemerkte, dass sie ihn ansah und darauf wartete, dass er sie anschaute. Langsam richtete er seinen Blick auf sie.

„Ich weiß dass ich es nicht zu tun BRAUCHE. Ich will aber, Spike.“

Für eine unendliche halbe Minute war es sehr still und das einzige was zu hören war, war ihr gemeinsames Atmen.

„Okay“ sagte er ganz leise.

Sie atmete seufzend aus. „Möchtest du etwas essen? Deine Freunde haben massig übrig gelassen.“

Er schüttelte den Kopf und versuchte herauszufinden, warum sie sich so um ihn kümmerte. „Uh, sicher. Ich denke, ich sollte etwas essen.“

„Okay. Warum setzt du dich nicht hin und ich bringe dir etwas. Obwohl ich befürchte, dass nur Auflauf das einzige ist, was ihm Kühlschrank zu finden sein wird.“

„Ist in Ordnung.“ Sie war im Begriff, wieder in die Küche zu gehen, als er ihren Namen sagte.

Seine Stimme war leise und zart. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann er ihren Namen mit solch einer Dankbarkeit und Sensibilität ausgesprochen hatte, dass ihr ein Schauer über den Rücken jagte. „Danke Dir, Buffy.“

Sie schüttelte das Verlangen, zu ihm zu gehen, ihn festzuhalten und ihn so lange zu küssen, dass er gar nicht mehr wusste, warum er traurig war, ab und zwang sich, ihn anzulächeln und sagte mit einer ganz normalen Stimme. „Nichts zu danken. Du solltest sowieso alles essen, bevor es schlecht wird…“

„Nein, das mein ich nicht. Danke für gestern Abend.“

Sie konnte nicht anders. Sie ging zu ihm und legte eine Hand an seine Wange. Sie glaubte, dass er sich in ihre Berührung hineinlehnte, aber es war nur ganz leicht, sie konnte sich auch getäuscht haben.  „Gern geschehen, Spike. Es tut mir so leid wegen deiner Mom. Sie war eine ganz besondere Frau.“

Er schloss seine Augen und hob seine Hand zu seinem Gesicht  und legte sie auf ihre. „Ja. Das war sie.“ Eine kleine Träne lief seine Wange hinter und befeuchtete ihre verbundenen Hände.

Sie standen lange einfach nur so da. Sie lauschte den Vögeln und dem Rattern seines alten Kühlschranks, der nebenan in der Küche stand. Sie spürte seinen Atem auf ihrem Handrücken.

Nach einer Weile zog er sich zurück und es wurde für beide etwas unbehaglich.

„Nun, dann lass mich mal Frühstück machen…“ sie ging zurück und war sich nicht sicher, was sie tun sollte, damit es ihm besser ging. Er setzte sich auf das Sofa, ließ seinen Kopf nach hinten auf die Lehne fallen und schloss die Augen. Sie lief schnell in die Küche.

Als sie zehn Minuten später zurück ins Wohnzimmer kam, lag er auf dem Sofa und schlief. Sein Kopf lag auf der Armlehne und seine Hände lagen mit den Handflächen nach oben neben seinem Körper.

Sie stellte seinen Teller auf den Couchtisch und kniete sich vor ihn hin. Diesmal konnte sie nicht widerstehen. Sie lehnte sich hinunter und küsste seine Stirn, einen seiner Wangenknochen und seine eingefallenen Wangen. Dann setzte sie sich zurück und strich ihm immer wieder durchs Haar. Sie liebte es endlich wieder seine seidenweichen Locken zu spüren. Sie fragte sich, ob es etwas wunderschöneres auf der Welt gab. Ihm wieder so nah zu sein, tat ihr im Herzen weh.

„Bitte verzeih mir, Spike. Lass mich für dich da sein“, flüsterte sie und beobachtete, wie sich seine Brust hob und senkte, während er schlief.


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